Analyse zum Credit-Suisse-Jugendbarometer: Die gut gerüstete Generation

Jugendbefragungen sind eine wunderbare Sache. Es ist gut zu wissen, wie die nächsten Generationen denken, fühlen und was sie wollen. Und die Antworten, welche die Jugend im Credit Suisse Sorgenbarometer gibt, stimmen alles in allem hoffnungsvoll. Man geht in der Schweiz, in den USA, in Singapur, aber auch in Brasilien einigermassen zuversichtlich in die Zukunft. Dass sich die Jugend in der Schweiz Sorgen um die AHV macht, ist gleichzeitig verständlich, andererseits auch ein bisschen befremdlich. Wenn man schon in seinen Zwanzigern den Horizont so genau absteckt, dass man gleich ans Alter denkt – na, ja. Andererseits zeugt es auch vom Vertrauen, das unsere Institutionen – und die AHV ist in der Tat eine unserer wichtigsten – geniessen. Denn wie gross das Vertrauen in etwas ist, zeigt sich paradoxerweise gerade dort und dann, wenn es als nicht mehr völlig intakt wahrgenommen wird. Je eher ich mir Sorgen um die AHV mache, desto mehr vertraue ich darauf – oder habe ich vertraut –, dass sie auch funktioniert.

Legen wir es uns so zurecht: Das AHV-/Rentenproblem ist eines, das man leicht durchschaut. Jeder kann rechnen oder wenigstens die Zusammenhänge sehen, wenn mehr Leistungen anfallen und weniger erwirtschaftet werden kann (bei der 2. Säule). Und die Jugend hält das Problem für politisch lösbar. So interpretieren es wenigstens die Leute, welche die Umfrage gemacht haben. Die Politiker sollen sich endlich zusammenreissen und sich bei einer Lösung finden! So schwer kann das doch nicht sein.

Die nächste Generation ist nicht Z, sondern die «Generation Hoffnung»

Die nächste Generation, aber auch ihre Nachfolger, das sind Individuen, so gut ausgebildet wie noch keine Generation vor ihr; sie ist im Zeitalter des Internets aufgewachsen, das heisst: sie hat die Möglichkeiten, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu erweitern und zu ergänzen wie keine Generation vor ihr. Noch nie war es so einfach, sich Kenntnisse und Informationen zu beschaffen. Und – so weit ich das beurteilen kann – sie hat auch die Reife und die Bereitschaft, sich dieser Möglichkeiten gezielt zu bedienen. Sie ist, auch wenn das einzugestehen für Ältere nicht ganz leicht ist, die bestausgerüstete Generation für die anstehenden Probleme.

Das ist die optimistische Seite der Medaille. Wir wissen alle, dass an die Jüngeren andere Anforderungen gestellt werden. Dass keine schönen Arbeitsbiografien mit automatischem Aufstieg mehr auf sie warten, sondern mehr oder weniger prekäre – oder wenn man will: flexible – Beschäftigungsverhältnisse; dass auch Bildung keine Aufstiegsgarantie mehr ist, sondern, weil sie vermehrt wurde, eine günstigere Ressource geworden ist, die auch weniger abwirft. Das Paradies wartet nicht auf diese Generation.

Wie tief – oder wie weit – reicht unser Bewusstsein?

Die entsprechenden Fragen wurden der Jugend im Rahmen des Jugendbarometers gestellt. Und die Jungen sehen ihre eigene Zukunft mehrheitlich «eher zuversichtlich» und die Zukunft der Gesellschaft mehrheitlich «gemischt, mal so, mal so». Die Jugend macht sich keine Illusionen, glaubt aber doch, damit zurechtzukommen.

Ausrüstung stimmt, Mentalität stimmt – und doch sind viele Unternehmen fehlgeschlagen, auch wenn die Voraussetzungen gestimmt haben. Was fehlt, ist oft Tiefe. Gedankliche Tiefe. Man hat sich geistig nicht genügend vorbereitet auf das, was da kommen könnte. Woran es mangelt, ist zeitliche Tiefe. «Die Entdeckung der Tiefenzeit» nannte Stephen Jay Gould sein Buch über das Erstaunen, dass die Erde eine Geschichte hat, die in Milliarden Jahren gemessen wird.

Unsere Zivilisation hat eine Geschichte von vielleicht 10 000 Jahren. Vor rund 6000 Jahren beobachtete man zum ersten Mal ein merkbares Wachstum der Bevölkerung. Die Römerzeit hob die Kurve um einen weiteren Hauch. Beide Hebungen sind praktisch unsichtbar, weil die Kurve seit rund 200 Jahren senkrecht nach oben steigt. Seit 200 Jahren leben wir in einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum beruht. Ohne Wachstum geht nichts, aber Wachstum geht nicht unendlich. Haben wir das begriffen? Wirklich? Wie weit reicht unser Bewusstsein? Bis zur Familie, bis zur Gruppe, bis zur Nation, bis zur Menschheit? Leider reicht das nicht. Es sollte auch die Biosphäre umfassen. Denn der Mensch, der nur an den Menschen denkt, ist definitiv zum Untergang verurteilt.