Das Millionen-Debakel um das Schloss Salavaux

Am Fusse des Mont Vully, umgeben von Bäumen und Sträuchern, liegt Schloss Salavaux. Erbaut im 16. Jahrhundert, beherbergt das ehemalige Landgut am westlichen Ufer des Murtensees heute ein Hotel und ein Restaurant. Der breite Sandstrand, für den das waadtländische Salavaux bekannt ist, liegt nur einen Steinwurf weit weg.

Hinter den Kulissen ist die Idylle jedoch getrübt: Die Besitzer wollen das Schloss loswerden. Für 6,4 Millionen Franken ist das Anwesen auf einer Immobilienseite ausgeschrieben.

Besitzerin ist die Stylos-Sammelstiftung, eine ehemalige Pensionskasse für KMU. Sie ist in ­Liquidation. Grund dafür ist auch das Hotel. Dies bestätigen einerseits die Liquidatoren. Andererseits hat das Berner Wirtschaftsstrafgericht in diesem Zusammenhang Anfang August straf­bare Handlungen festgestellt.

Treuhänder hat Vision

Es begann 2004. Eine Gruppe von Treuhändern gründete die Sammelstiftung Stylos. Einer von ­ihnen, ein Treuhänder aus der Region Bern (57), amtete in der Folge sowohl als Stiftungsratspräsident wie auch als Geschäfts­führer. 2007 kaufte die Stiftung Schloss Salavaux in marodem Zustand – auf Drängen des Berner Treuhänders. Kostenpunkt: 2,3 Millionen Franken. Für den Umbau investierte die Stiftung weitere 6,7 Millionen Franken.

Es ist viel Geld in exklusives Mobiliar investiert worden. Nur das Beste war gut genug.

Für den Betrieb des Hotels gründete der Berner Treuhänder eine GmbH, die er auch selbst führte. Eine Vision für das An­wesen habe er bereits nach der ersten Besichtigung gehabt, sagte er 2010 gegenüber der Branchenzeitschrift «Hotelier»: die Vision eines romantischen Schloss­hotels. Es sei viel Geld in exklusives Mobiliar investiert worden, heisst es im Artikel weiter. «Nur das Beste ist gut genug.»

Zu dieser Zeit war ein Grossteil des Stiftungsvermögens im unrentablen Hotel angelegt. 91 aktiv Versicherte waren der Stylos per Ende 2009 angeschlossen – Neukunden wurden keine akquiriert.

Gericht verurteilt Treuhänder

Wollte der Berner Treuhänder seinen Verpflichtungen nachkommen, oder hat er sich den Traum des eigenen Hotels verwirklicht? Diese Frage stellte sich auch während der Verhandlung am Berner Wirtschaftsstrafgericht. Angeklagt war der Berner Treuhänder, weil er sich zu Unrecht zu hohe Honorare hatte auszahlen lassen.

Die Honorare verrechnete er sich unter anderem für die Aufsicht über die Baustelle während der Sanierung des Schlosses. Als Baubegleiter sei er lediglich tätig gewesen, damit seine Vision Realität würde, argumentierte der Staatsanwalt. Er habe lediglich die anfallenden Aufgaben übernommen, sagte der Treuhänder – alles in Absprache mit dem Stiftungsrat.

Der Beschuldigte habe die fehlende Kontrolle durch die anderen Stiftungsratsmitglieder ausgenutzt, kam die Richterin zum Schluss. Ihr Urteil von Anfang August: 15 Monate bedingt.

Aufsicht handelt zeitversetzt

Pensionskassen müssen Regeln einhalten. Beispielsweise darf nur ein Drittel des Kapitals in ­Immobilien angelegt werden. Ob sie sich an diese Bestimmungen halten, prüft jährlich die Revisionsstelle. Zusätzlich kontrolliert eine Stiftungsaufsicht die Vorsorgeeinrichtungen und deren Revisionsstellen. Im Kanton Bern ist dies die Bernische BVG- und Stiftungsaufsicht (BBSA).

«Das Kapital der Versicherten kann nur teilweise  gesichert werden.»Sprecherin der Berag AG

Doch wie kann eine Pensionskasse trotz Aufsicht praktisch ihr ganzes Kapital in eine Immobilie stecken? Das liege einerseits am zeitlichen Ablauf, erklärt Hansjörg Gurtner, Geschäftsleiter der BBSA. Beim Kauf vom Schloss ­habe die Stylos noch kein gesetzliches Limit verletzt. Überschritten wurde es erst durch die Sanierung – nachdem der Verkehrswert neu geschätzt wurde.

Andererseits habe es mit dem System der Aufsicht zu tun: «Wir üben eine repressive Aufsicht aus, nicht eine präventive», erklärt Gurtner. Wenn Fehler passieren, erfahre die BBSA unter Umständen erst anderthalb Jahre später davon. «Denn die Dokumente, die wir prüfen, erhalten wir grösstenteils erst sechs Monate nach Rechnungsabschluss.»

Stiftung erhält Weisungen

Im Fall der Stylos sei die Stiftungsaufsicht durch den Bericht der Revisionsstelle auf die Mängel aufmerksam geworden. Sie erteilte dem Stiftungsrat daraufhin die Weisung, die Mängel aufzuheben. Das Schloss sollte verkauft werden, der Berner Treuhänder schied aus dem Stiftungsrat aus, und die Geschäftsführung hat die externe Beraterfirma Berag AG übernommen.

Mittlerweile seien keine Firmen mehr der Sammelstiftung Stylos angeschlossen, sagt eine Sprecherin der Berag AG. Die Firmen hätten sich neue Vorsorgeeinrichtungen gesucht, und es seien Übernahmeverträge abgeschlossen worden.

Das Kapital der Versicherten konnte nur teilweise gesichert werden: Für einen Teil der Leistungen – insgesamt 5,3 Millionen Franken – stellte der Sicherheitsfonds Geld zur Verfügung. Er springt ein, wenn Pensionskassen zahlungsunfähig werden. Weitere 6,3 Millionen Franken sind zurzeit nicht gedeckt.

Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Schlosses könnte ein Teil dieses Betrags gedeckt werden, erklärt die Sprecherin weiter. «Reichen wird das Geld jedoch nicht.» Denn mit den 6,4 Millionen Franken – der veranschlagte Preis für das Schloss – muss die Stylos zuerst den Vorschuss des Sicherheitsfonds zurückbezahlen.

Hotel wirbt mit Wanderung

Die Sammelstiftung Stylos ist in Liquidation. Der Berner Treuhänder ist als Geschäftsführer und Stiftungsrat aus der Stiftung ausgeschieden. Seine Firma, die das Hotel in Salavaux betrieb, ist längst liquidiert. Heute hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, wie er am Wirtschaftsstrafgericht sagte.

Das Hotel und das Restaurant im Schloss Salavaux sind in Betrieb. Die aktuellen Pächter werben mit einer romantischen Auszeit oder einer Wanderung entlang des Mont Vully. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.08.2018, 06:09 Uhr