Gesellschaft und Soziales

12.4.2017

Schweizerischer Arbeitgeberverband: Nein zur Altersvorsorge 2020

Der Schweizerische Arbeitgeberverband hat die Nein-Parole zur Volksabstimmung über die Reform Altersvorsorge 2020 vom 24. September 2017 beschlossen. Die Arbeitgeber erteilen mit ihrem Votum einem unsolidarischen und unterfinanzierten AHV-Ausbau eine Absage. …mehr

Die Mitglieder des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) haben sich an ihrer Vorstandssitzung gegen die Altersvorsorgereform 2020 ausgesprochen, über die das Stimmvolk am 24. September 2017 befindet. Die Arbeitgeber lehnen eine Vorlage ab, die das Parlament – entgegen den Reformzielen und trotz der Ablehnung von «AHVplus» – zu einer überladenen Ausbauvorlage umfunktioniert hat, statt die Altersvorsorge nachhaltig auf eine stabile finanzielle Basis zu stellen. Die strukturellen Probleme, darunter die chronisch defizitäre AHV-Kasse und die Pensionierungswellen der geburtenstarken Jahrgänge, werden nicht nur ausgeblendet, sondern sogar verschärft. So übersteigen die Kosten des AHV-Ausbaus bereits 2030 die Mittel, die durch die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre frei werden.

Eine weitere Schwäche der Reform liegt im unsolidarischen Giesskannenprinzip des AHV-Ausbaus. Monatlich werden 70 Franken an alle Neurentner und sogar bis zu 226 Franken an alle Neurentnerehepaare verteilt – unabhängig von ihrer finanziellen Situation und ungeachtet dessen, ob sie von der Senkung des Mindestumwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge betroffen sind. Der Ausbau, für den viele bezahlen und von dem nur wenige profitieren, führt zu einer AHV zweier Klassen. Zu den grossen Profiteuren zählt die Übergangsgeneration zwischen 45 und 65 Jahren. Sie wird dank Zahlungen aus dem Sicherheitsfonds von der Senkung des Mindestumwandlungssatzes in der zweiten Säule verschont und kommt dennoch in den Genuss des AHV-Zustupfs von jährlich 840 Franken.

Die Reform gefährdet überdies den Zusammenhalt zwischen den Generationen. Auf der Verliererseite stehen bisherige Rentner, welche die berufliche Vorsorge aufgebaut haben, aber selber keine Chance mehr haben, ihre Pensionskassenrenten aufzubessern. Vielmehr müssen sie eine im Portemonnaie spürbare Erhöhung der Mehrwertsteuer verkraften, die den AHV-Ausbau mitfinanziert. Schlechter gestellt werden – wie dies bereits bei der deutlich verworfenen AHVplus-Initiative der Fall gewesen wäre – ausgerechnet jene bedürftigen Rentner, denen im Gegenzug zum AHV-Zustupf die steuerbefreiten Ergänzungsleistungen (EL) gekürzt werden. Die grössten Lasten werden aber den Jungen und nachkommenden Generationen aufgebürdet. Sie bezahlen die Zeche für den AHV-Ausbau, da sie ab 2030 zusätzlich zur weiter wachsenden Anzahl Rentner für die ungedeckten Checks der Reform geradestehen müssen.

Eine Annahme der unterfinanzierten Ausbauvorlage würde bereits mittelfristig trotz der Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,6 Prozent sowie der Lohnbeiträge um total 0,7 Prozent wieder grosse Löcher in die AHV-Kasse reissen und den Druck zu weiteren Reformen mit zwangsläufig einschneidenderen Sanierungen erhöhen. Bereits 2025 müsste die nächste Reform umgesetzt werden. Der unsolidarische AHV-Ausbau für arm und reich erhöht daher letztlich nur den Druck, das Rentenalter rascher anheben zu müssen. Die Arbeitgeber stehen weiterhin zu einer Reform der Altersvorsorge mit sicheren Renten auf heutigem Niveau, erteilen einem unsolidarischen AHV-Ausbau aber eine klare Absage. Lehnt das Schweizer Volk am 24. September 2017 zum zweiten Mal innert Jahresfrist einen für unser wichtigstes Sozialwerk gefährlichen Giesskannenausbau ab, wird der Weg endlich frei für eine echte Reform der Altersvorsorge für sichere Renten in beiden Säulen. Teure Experimente hat unsere AHV nicht verdient.

Denn ein Scheitern der Vorlage an der Urne bedeutet nicht das Ende des Reformprozesses. Die zentralen Elemente sind bekannt und liegen auf dem Tisch. Statt einer überladenen Reform braucht es danach zügig separate und verdaubare Portionen, wie sie die Wirtschaft seit Beginn des Reformprozesses stets gefordert hat. Dabei sind die heute selbst von linken Kreisen geforderten Massnahmen anzugehen: als erstes die Angleichung des Rentenalters für Männer und Frauen auf 65. Zweitens braucht es eine Senkung des Mindestumwandlungssatzes mit angemessener Kompensation innerhalb der beruflichen Vorsorge, wozu der Nationalrat einen grundsätzlich gangbaren Weg vorgezeichnet hat. Drittens müssen die politischen und sozialpartnerschaftlichen Akteure in einem sorgfältig zu erarbeitenden breiten Konsens aufzeigen, wie mittelfristig das immer schlechter werdende Umlageverhältnis in der AHV durch eine schrittweise und sozialverträgliche Erhöhung des Rentenalters langfristig sichergestellt werden kann.

Kontakt:

Roland A. Müller, Direktor, Tel. 079 220 52 29,
mueller@arbeitgeber.ch

Martin Kaiser, Ressortleiter Sozialpolitik, Tel. 079 517 68 26,
kaiser@arbeitgeber.ch

Quelle: Presseportal.ch
12.04.2017

29.3.2017

Mehr Zwang beim Zwangssparen

Die Politik erhöht den Druck beim obligatorischen Sparen in der 2. Säule gleich zweifach. Erstens ­sollen wir mehr einzahlen. Zweitens sollen wir das Geld nicht mehr als Kapital, sondern nur noch als Rente beziehen. …mehr

Eine Reform jagt die andere. Soeben hat das Parlament die grosse Reform der Altersvorsorge gezimmert, die am 24. September an die Urne kommt. Noch vorher, im Juni, beginnt im Ständerat die Debatte über die Reform der ­Ergänzungsleistungen (EL).

Am Dienstag hat die Sozialkommission dazu erste Vorentscheide gefällt. Die zwei Projekte überlagern sich in einem politisch sensiblen Punkt: Beide ­sehen beim ­obligatorischen Teil der 2. Säule (Pensionskassen) wichtige Veränderungen vor, die sich gegenseitig verstärken.

Der Verdacht

Zuerst einmal wird mit der Renten­reform das staatlich erzwungene Alterssparen markant ausgebaut. Hier geht es um das Doppelproblem der tiefen Renditen und der gestiegenen Lebenserwartung. Als Reaktion darauf will das ­Parlament mit der Reform den Mindestumwandlungssatz der Pensionskassen senken, womit es künftig pro angespartem Franken weniger Rente gibt. Das ­effektive Rentenniveau soll aber nicht sinken.

Deshalb müssen Arbeitnehmer zusammen mit ihren Arbeit­gebern in Zukunft während des gesamten Berufslebens mehr Geld in die Pensionskasse ein­zahlen. So erhöht sich zum Beispiel das Zwangssparen bis zur Pensionierung für einen Angestellten mit einem Lohnniveau von 4500 Franken im Monat um insgesamt 30’000 Franken.

Unmittelbar betroffen sind zwar nur etwa 15 Prozent ­aller Angestellten, da die Mehrheit in Pensions­kassen versichert ist, deren Leistungen über das obligatorische Alterssparen hinausgehen.

Doch zusammen mit der EL-Reform sind plötzlich alle Angestellten betroffen. Hier setzt der Bundesrat den Hebel ebenfalls bei der 2. Säule an. Er will die Möglichkeiten einschränken, das angesparte Geld bei der Pensionierung als Kapital zu beziehen, statt es in monatliche Renten ­umwandeln zu lassen.

Konkret will der Bundesrat verbieten, im Rahmen der obligatorischen ­Vorsorge angesparte Gelder als ­Kapital zu beziehen. Stattdessen müsste man sich diesen Teil des Kapitals neu zwingend in eine Rente umwandeln lassen. Dieser Vorschlag war zwar bisher umstritten, die Sozialkommission des Ständerats hiess ihn gestern aber einstimmig gut, wie aus ihrer Mitteilung hervorgeht.

Die Einschränkungen beim Kapitalbezug sollen dazu bei­tragen, dass künftig weniger Rentner auf EL angewiesen sind. Dahinter steht der Verdacht, dass die Rentner das bezogene Kapital weniger gut verwalten und an­legen werden als ihre Pensionskasse. Oder dass sie es im schlimmsten Fall verprassen, im Wissen, dass sie danach EL beantragen können.

«Schnell ausgegeben»

Der Bundesrat formuliert es in der Botschaft freundlicher: «Das Altersguthaben kann schnell ausgegeben werden. Ist es einmal aufgebraucht, steht die betroffene Person unter Umständen mittellos da.» Eine Rente hingegen garantiere ein regelmässiges Einkommen während der gesamten Dauer des Rentenalters, auch wenn man sehr alt werde.

Die Beschränkung des Kapitalbezugs wirkt sich zusammen mit dem Ausbau des obligatorischen Sparens in der Rentenreform flächen­deckend aus. Bei allen Arbeit­nehmern – auch bei jenen in gross­zügigen Pensionskassen – entfällt künftig ein grösserer Teil des Alterskapitals auf das ­Obligatorium. Und dieses soll von der Kapitalauszahlung neu ausgeschlossen werden.

Geld für Selbstständige?

Der Bundesrat will den Schutz der obligatorischen Vorsorge mit der EL-Reform noch anderweitig ausbauen. Wer sich selbstständig macht, kann heute als Starthilfe einen Teil ­des Pensionskassen­kapitals beziehen. Auch dies wäre neu nur noch bei dem Teil erlaubt, der über das Obligatorium hinausgeht. Hier ist aber mit Widerstand zu rechnen.

Die Mehrheit der Kommission will den ­Kapitalbezug in diesen Fällen nicht verbieten, sondern nur einschränken.

Quelle: Berner Zeitung
29.03.2017

31.1.2017

Beschönigen die Pensionskassen ihre finanzielle Situation?

Viele Schweizer Pensionskassen reagieren zurzeit auf die ultraniedrigen Zinsen mit Rentenkürzungen. Die Kassen wiesen zu hohe Deckungsgrade aus, kritisieren manche Beobachter. …mehr

Wären die Schweizer Vorsorgeeinrichtungen Flugzeuge, so würden einige von ihnen viel niedriger fliegen, als ihr Höhenmesser anzeigt. Mit dieser Metapher hat Pascal Renaud, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Kammer der Pensionskassen-Experten, an den Informationstagen zur beruflichen Vorsorge auf die bedenkliche Entwicklung in der beruflichen Vorsorge aufmerksam gemacht. Die Kassen wiesen zu hohe Deckungsgrade und damit eine vermeintlich zu gute finanzielle Situation aus und riskierten damit Fehlentscheidungen, sagte Renaud an der jährlichen Veranstaltung der BVG- und Stiftungsaufsicht des Kantons Zürich (BVS). Der Deckungsgrad errechnet sich aus dem Verhältnis zwischen dem verfügbaren Vermögen und den Vorsorgeverpflichtungen einer Pensionskasse. Gemäss der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) betrug der durchschnittliche Deckungsgrad von Schweizer Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie 2015 105,1%, bei Pensionskassen mit Staatsgarantie lag er bei 76,1%.

Lücken bei den Renditen

Laut Renaud ist derzeit eine jährliche Anlagerendite von 5% nötig, um den BVG-Umwandlungssatz von 6,8% für die Altersrentner zu finanzieren. Selbst wenn die Rentenreform verabschiedet würde und der BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8% auf 6% sänke, würden die Vorsorgeeinrichtungen noch eine jährliche Anlagerendite von 4% brauchen, um die Neurenten zu finanzieren. Gegenüber der erwarteten Rendite einer durchschnittlichen Anlagestrategie einer Kasse fehlten derzeit Jahr für Jahr bei der Rendite 2 Prozentpunkte, und die aktiven Versicherten müssten zur Finanzierung dieser Lücken eine tiefere Verzinsung ihrer Altersguthaben in Kauf nehmen.

Der Umwandlungssatz ist der Prozentsatz des in der Pensionskasse angesparten Vermögens, der einem Versicherten nach der Pensionierung jährlich ausbezahlt wird. Die ultraniedrigen bis negativen Zinsen zwingen die Vorsorgeeinrichtungen zu massiven Senkungen der technischen Zinssätze. Die Pensionskassen hätten diese nicht stark und nicht schnell genug gesenkt, sagte Renaud, der auch Partner des Pensionskassenexperten-Büros Toptima ist.

Verpflichtungen unterbewertet?

Bei der Berechnung des Deckungsgrads ist der technische Zinssatz sehr wichtig. Mit diesem Satz diskontiert eine Pensionskasse die zukünftigen reglementarischen Leistungen. Verwendet sie einen zu hohen technischen Zinssatz, weist sie zu tiefe Verpflichtungen und einen zu hohen Deckungsgrad aus. So seien die Rentenverpflichtungen vieler Vorsorgeeinrichtungen unterbewertet, sagte Renaud. Er empfiehlt, den technischen Zinssatz prinzipienbasiert anhand einer Zinsstrukturkurve entsprechend den Verpflichtungen festzulegen, anstatt ihn jedes Jahr durch den Stiftungsrat zu beschliessen. Das Ausweisen eines zu hohen Deckungsgrades sei problematisch, denn dies könne beispielsweise dazu führen, dass die Verantwortlichen von Vorsorgeeinrichtungen die Lage ihrer Kasse zu rosig einschätzten, sagte Renaud. Folgen davon könnten Investitionen in zu riskante Anlagen oder zu grosszügige Leistungen für aktive Versicherte und Rentner sein.

«Eingeschlagener Weg stimmt»

Laut Beobachtern fühlen sich derzeit die Stiftungsräte in einigen Pensionskassen zum Handeln gezwungen und senken die technischen Zinsen deutlich. Für grosses Aufsehen haben in diesem Zusammenhang die BVK und die Pensionskasse der Credit Suisse gesorgt, die die Leistungen ihrer Versicherten deutlich gekürzt haben. Laut Roger Tischhauser, Direktor der BVS, haben viele Vorsorgeeinrichtungen aus dem Kanton Zürich die Umwandlungssätze und technischen Zinsen reduziert, um künftige Pensionierungsverluste und die Verteilung der Lasten auf die aktiven Versicherten zu reduzieren. Er betont, der von den Pensionskassen im Kanton Zürich eingeschlagene Weg stimme, es brauche aber weitere mutige Entscheidungen. Ob die Anpassungen ausreichen, müsse für jede einzelne Kasse beurteilt werden. Falls notwendig, greife die BVS ein, der Risikodialog zwischen Vorsorgeeinrichtung und Aufsicht sei jedoch in den meisten Fällen zielführend. Aus Sicht von Tischhauser haben die Pensionskassen auch ihre Wertschwankungsreserven so weit gestärkt, dass sie auf Verwerfungen am Kapitalmarkt reagieren könnten. Die BVG- und Stiftungsaufsicht Zürich kontrolliert nach eigenen Angaben 820 Vorsorgeeinrichtungen mit verwalteten Vermögen von rund 300 Mrd. Fr.

Sammelstiftungen im Fokus

Eine Herausforderung sieht Tischhauser unterdessen in der Entwicklung zu mehr rentnerlastigen Vorsorgeeinrichtungen oder sogar reinen Rentnerkassen. Der Anteil der Rentner am Gesamtvorsorgevermögen steige stetig, auf weniger Aktive kämen immer mehr Rentner. Dieser Trend werde sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Da die Möglichkeit einer strukturellen Sanierung dieser Vorsorgeeinrichtungen eingeschränkt sei, müsse eine ausreichende Finanzierung sichergestellt sein. Die Arbeitgeber seien in der Pflicht. Die BVS überwache dies und greife bei Fehlentwicklungen ein.

Als weiteren Schwerpunkt der Aufsichtstätigkeit nennt Tischhauser die Überwachung der Sammelstiftungen. Solchen Einrichtungen schliessen sich oft Firmen an, die zu klein sind, um eine eigene Pensionskasse zu betreiben. Im Aufsichtsgebiet der BVS sind über 70% der Versicherten Sammelstiftungen angeschlossen. Im Markt der Sammeleinrichtungen herrsche ein harter Wettbewerb, einige dieser Einrichtungen seien deshalb zurückhaltend mit der Senkung von Umwandlungssätzen und technischen Zinsen, sagt Tischhauser. Es sei wichtig, dass die Sammelstiftungen risikoorientiert geführt und beaufsichtigt würden, sonst könnten sie sich zu einem Systemrisiko entwickeln.

Quelle: NZZ
31.01.2017

20.1.2017

Pensionskassen springen auf den Ökozug auf

Nicht nur Private, auch Unternehmen und Pensionskassen setzen vermehrt auf nachhaltige Finanzanlagen, die ökologische, soziale und ethische Grundregeln befolgen. Sie tun es nicht wegen des Gewissens.

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Nachhaltiges Investieren erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Das hört man zwar schon seit langer Zeit. Doch in den letzten Jahren scheint sich der Trend zu ­beschleunigen. Grüne Fonds, wie sie vor allem von Privatanlegern gekauft werden, verzeichnen zwar nur leichte Zuwächse.

Doch ein markanter Sprung um 166 Prozent ist bei den Mandaten zu beobachten, die von institutionellen Anlegern ihren Vermögensverwaltern vergeben werden.

Das geht so: Eine Pensionskasse erteilt der Bank X zum Beispiel den Auftrag, eine halbe Milliarde Dollar in US-Aktien zu investieren. Wobei die Bank X nur solche US-Aktien auswählen darf, die als nachhaltig gelten. Und nachhaltig ist ein Unternehmen dann, wenn es ökologische, soziale und ethische Prinzipien einhält. In der Fachwelt hat sich für dieses Verhalten das Kürzel ESG durchgesetzt: Environmental, Social, Governance.

Gewissen oder Rendite?

Warum haben Grossinvestoren wie Pensionskassen oder Unternehmen plötzlich nachhaltige Anlagen entdeckt? Tun sie das, um das Gewissen zu beruhigen, oder tun sie es, weil sie sich mit nachhaltigen Anlagen eine höhere Rendite erhoffen? «Privatanleger tun es mehrheitlich wegen des Gewissens.

Institutionelle Anleger vor allem auch wegen der Rendite», sagt Sabine Döbeli, Geschäftsleiterin von Swiss Sustainable Finance. Denn mehr und mehr scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass Unternehmen, welche gegen ökologische, soziale und ethische Regeln verstossen, langfristig Probleme bekommen werden.

Kohle? Nein, danke

Beispiel Publica: Die Pensionskasse des Bundes hat vor zwei Jahren alle Aktien von Kohleproduzenten aus dem Portefeuille genommen. Nicht wegen des ­Gewissens, sondern «aufgrund der potenziellen wirtschaftlichen ­Risiken», erklärt Publica-Direktor Dieter Stohler.

Zu diesem Ausschluss sei man gekommen, nachdem man die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vermögensanlagen vertieft untersucht gehabt habe. «Wir gehen nicht davon aus, dass der Ansatz von Publica automatisch zu einer besseren Performance führt.

Hingegen vermuten wir, dass umsichtig und gut geführte Unternehmen längerfristig weniger ­finanzielle Risiken haben als solche, die immer wieder im Konflikt mit Gesetz und internationalen Normen sind», so Stohler.

Und auf die Frage, weshalb sich die Pensionskasse der Post auf verschiedenen Ebenen für nachhaltige Anlagen starkmacht, erklärt Geschäftsführerin Françoise Bruderer: «Wegen der sozialen Verantwortung und der Überzeugung, dass nachhaltige Anlagen längerfristig mindestens so gut rentieren wie andere.»

Nachhaltige Anlagen in der Schweiz

Was heisst nachhaltig?

Doch was nachhaltig ist und was nicht, ist keine exakte Wissenschaft. So gibt es die unterschiedlichsten Anlagestrategien dazu, der Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Man kann gewisse Branchen ausschliessen, die per Definition mit nachhaltigen Werten im Widerspruch stehen.

Rüstungs- und Tabakindustrie sind solche Industriezweige. Bekannt ist auch der Best-in-Class-Ansatz, wie er häufig bei grünen Fonds für Privatanleger zur Anwendung kommt.

Hier sucht man jene Aktiengesellschaften heraus, die innerhalb ihrer Branche am meisten für den Umweltschutz tun. Das führt dazu, dass auch klassische Umweltverschmutzer in ein Anlageportefeuille geraten. Für Sabine Döbeli ist das insofern gerechtfertigt, als sich umweltschonende Massnahmen in verschmutzenden Branchen besonders stark auswirken.

Lange Jahre galt BP innerhalb der Ölindustrie als Vorzeigeunternehmen, weshalb BP-Aktien in gewissen grünen Fonds zu finden waren. Bis dann im April 2010 die Bohrplattform Deep­water Horizon in Brand geriet und im Golf von Mexiko die grösste Ölpest der Geschichte verursachte.

Anlageberater sind nicht grün

Gemäss einer Umfrage von GFS im Jahr 2014 sprachen sich 72 Prozent der befragten Schweizer dafür aus, dass bei der Verwaltung ihrer Pensionskassengelder nachhaltige Kriterien berücksichtigt werden. Und gemäss einem «World Wealth Report» aus dem Jahr 2015 geht hervor, dass 92 Prozent von vermögenden Privatkunden mit ihrem Vermögen auch positive Wirkungen erzielen möchten.

Interessant ist jedoch der Befund von Schroders. Der international tätige Ver­mögensverwalter mit Hauptsitz London will herausgefunden haben, dass Anlageberater weniger Gewicht auf nachhaltige Aspekte legen als Anleger.

Womöglich zweifeln sie daran, dass nachhaltige Anlagen punkto Rendite mindestens so gut abschneiden wie konventionelle. Denn es gehört zu den unan­genehmeren Pflichten eines Anlageberaters, dem Kunden ge­genüber unterdurchschnittliche Renditen zu rechtfertigen. Womit sich die Frage aufdrängt: ­Rentieren nachhaltige Anlagen schlechter als herkömmliche?

Je nachdem, mit welchem Börsenindex der Vergleich herangezogen wird, rentierten Aktien mit einem ESG-Ansatz besser oder auch schlechter. Doch Sabine Döbeli ist überzeugt: «Mit nachhaltigen Anlagen erzielt man eine marktgerechte Performance.»

Tabak? Nein, danke

Die Deutsche Asset Management und die Universität Hamburg wollen mit einer Studie belegt ­haben, dass sich nachhaltiges ­Investieren finanziell lohnt. Andere Untersuchungen kommen zu einem anderen Schluss. Und dann gibt es das Beispiel von Calpers, der Pensionskasse für die Angestellten des US-Staats Kalifornien. Im Jahr 2000 hat sie sämtliche Tabakfirmen aus dem Portefeuille verbannt.

Gemäss einer Studie sollen dadurch Calpers zwischen 2001 und 2014 gut 3 Milliarden Dollar entgangen sein. Trotzdem hat Calpers gemäss Medienberichten diesen Entscheid sogar noch bestärkt und beschlossen, auch für extern verwaltete Vermögen Tabakfirmen auszuschliessen. Die Begründung: erwartete langfristige finanzielle Risiken wegen drohender Klagen.

Zum Schluss noch dies: Von wem stammt der folgende Satz? «Eine Erwärmung unseres Planeten durch Treibhausemissionen führt zu substanziellen Risiken für die globale Wirtschaft und wird umfangreiche Auswirkungen auf praktisch alle Sektoren haben.» Nun, es war nicht Marco Lambertini, der Generaldirektor vom WWF. Auch nicht Nicholas Stern, Autor des «Stern-Reports».

Es war der Multimilliardär Michael Bloomberg, Gründer der Finanzdatenagentur Bloomberg LG und ehemalige Bürgermeister von New York. Bloomberg war es auch, der Donald Trump wiederholt kritisierte – auch wegen dessen Äusserungen zur Klimaveränderung.

Quelle: Berner Zeitung
20.01.2017

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23.12.2016

Kürzungen bei Rentenleistungen – Immer mehr Kassen greifen zum Rotstift

Den Versicherten drohen schmerzhafte Kürzungen bei den Rentenleistungen in der beruflichen Vorsorge. Ein Experte erwartet «ein dramatisches Jahr 2017».

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Grosse Vorsorgeeinrichtungen wie die BVK oder die Pensionskasse der Credit Suisse haben es vorgemacht, nun dürften einige andere Vorsorgeeinrichtungen folgen: Den Versicherten drohen schmerzhafte Kürzungen bei den Rentenleistungen in der beruflichen Vorsorge. Angesichts der anhaltend schwierigen Lage am Kapitalmarkt und von Negativzinsen realisierten die Stiftungsräte in vielen Pensionskassen, dass sie Entwicklungen zum Teil «verschlafen» hätten, sagt Stefan Thurnherr vom VZ Vermögenszentrum. Er erwartet in dieser Hinsicht «ein dramatisches Jahr 2017». Viele Vorsorgeeinrichtungen rechneten mit einem zu hohen technischen Zins und hätten sich in der Vergangenheit in falscher Sicherheit gewiegt. Nun fühlten sie sich gezwungen zu agieren.

«Entwicklung verschlafen»

Auch Ueli Mettler von der Beratungsgesellschaft «c-alm» geht davon aus, dass viele Vorsorgeeinrichtungen nicht umhinkommen, das Leistungsniveau anzupassen – vor allem im überobligatorischen Teil. Einige Pensionskassen hätten hier Nachholbedarf. Thurnherr erwartet, dass einige Vorsorgeeinrichtungen ihre Änderungen im Frühjahr 2017 kommunizieren, am 1. Januar 2018 dürften diese dann in Kraft treten.

Der technische Zins ist die Kennzahl, mit der eine Pensionskasse die Höhe ihrer künftigen Erträge einschätzt. Wird der Zins zu hoch eingestuft, führt dies nicht nur dazu, dass eine Vorsorgeeinrichtung einen zu hohen Deckungsgrad ausweist. Sie schafft damit auch massive Umverteilungen zwischen Aktiven und Rentnern. Wie ein Warnschuss gegen zu hohe technische Zinsen dürfte derweil für viele Vorsorgeeinrichtungen die jüngst publizierte Empfehlung der Schweizerischen Kammer der Pensionskassenexperten (SKPE) gewirkt haben. Per Ende September dieses Jahres hat sie unter Berufung auf die Fachrichtlinie FRP 4 den Pensionskassen empfohlen, für die kommenden Jahresabschlüsse einen technischen Zins von 2,25% anzuwenden – eine Senkung um 0,5 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Eigentlich steht es im Ermessen des Stiftungsrats einer Pensionskasse, den technischen Zins nach Massgabe ihrer Zielrenditen, ihrer Einschätzung der Marktentwicklung sowie dem Zustand der Vorsorgeeinrichtung festzulegen. In der Praxis aber kämen die Stiftungsräte aus dem Korsett der SKPE-Empfehlung kaum heraus, sagt Thurnherr. Derzeit sei zu beobachten, dass die Vorsorgeeinrichtungen in der Deutschschweiz ihre technischen Zinsen grossflächig auf 2% senkten, sagt Mettler. Sie «übererfüllen» die Empfehlung also sogar.

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Weiterer Druck für die Vorsorgeeinrichtungen entsteht derweil dadurch, dass ihnen mit jeder neu entstehenden Rente sogenannte Pensionierungsverluste drohen, wenn sie zu hohe Umwandlungssätze anwenden (vgl. Zusatz). Der Umwandlungssatz ist der Prozentsatz des gesparten Vermögens in der Pensionskasse, der einem Rentner jährlich ausbezahlt wird. Ist er zu hoch angesetzt, führt dies dazu, dass Rentenverpflichtungen nicht ausfinanziert sind. Zudem stehen in den kommenden Jahren viele Pensionierungen von «Babyboomern», also Personen aus den starken Nachkriegsjahrgängen, an. Reagieren die Vorsorgeeinrichtungen nicht auf die Situation, könnten dadurch hohe Pensionierungsverluste entstehen.

Folglich senkten viele Pensionskassen derzeit ihre Umwandlungssätze geradezu abrupt, sagt Thurnherr. Als Beispiele für solche Senkungen führt er neben der BVK und der Pensionskasse der Credit Suisse die Vorsorgeeinrichtung des Bundes Publica an. Diese senkt ihren technischen Zins Mitte 2018 auf 2% und ihren Umwandlungssatz auf 5,09% nach zuvor 5,65%. Andere, kleinere und mittelgrosse Pensionskassen dürften nun folgen, erwartet Thurnherr. Da grosse Vorsorgeeinrichtungen bereits solch unpopuläre Massnahmen ergriffen hätten, fühlten sie sich nun «in guter Gesellschaft».

Zudem ist ein Trend zu beobachten, dass Pensionskassen versuchen, Versicherte in oberen Gehaltsetagen dazu zu bringen, sich ihr angesammeltes Kapital auszahlen zu lassen, anstatt es als Rente zu beziehen. So hätten bereits Vorsorgeeinrichtungen mit der Einführung eines Kapitalzwangs für Besserverdienende beim Bezug von Pensionskassengeldern reagiert, sagt der VZ-Vorsorgespezialist. Wenn Versicherte statt einer Rente eine Kapitalauszahlung erhalten, übernehmen sie anstatt der Vorsorgeeinrichtung das Risiko der Verwaltung der Gelder. Das Thema ist in diesem Jahr mit den Ankündigungen der Pensionskasse der Credit Suisse, einen solchen Kapitalzwang einzuführen, auf den Tisch gekommen. Auch die Pensionskasse IBM hat laut Thurnherr einen solchen Zwang eingeführt, und zwar im Überobligatorium. Bei der Pensionskasse 2 von Novartis ist die Entwicklung ebenfalls zu beobachten, sie zahlt nur noch Renten für Gehälter bis 150 000 Fr. Angestellte des Basler Pharmakonzerns, die mehr verdienen, müssen sich die entsprechenden Teile des Vorsorgekapitals ebenfalls als Kapital auszahlen lassen.

Neue Rechnungslegung

Einer der Gründe für solche Massnahmen dürfte auch der in den internationalen Rechnungslegungsvorschriften (IFRS) enthaltene, jüngst überarbeitete Standard IAS 19 sein. Weil Unternehmen wegen IAS 19 die Vorsorgeverpflichtungen und den Vorsorgeaufwand in den Jahresrechnungen erhöhen müssen, droht die Gefahr, dass sie Vorsorgepläne zum Nachteil von Versicherten anpassen.

Ein weiterer Trend sind die sogenannten 1e-Pläne, bei denen Versicherte ab einem Jahresgehalt von 126 900 Fr. selbst ihre Anlagestrategie bestimmen können – für die Teile des Lohns, die über dieser Grenze liegen. Dies gibt Mitarbeitern mit höheren Löhnen Freiheitsgrade bei der Anlage, sie tragen aber dann in diesem Bereich auch die Risiken der Anlagestrategie – anstelle der Pensionskasse.

Laut Mettler hat die zu beobachtende Entwicklung ihre Grenzen. Schliesslich lebe die zweite Säule auch von Solidaritäten. Solidarität brauche es, damit sich gute und schlechte Anlagezyklen über Generationen hinweg ausgleichen. Wenn man die zweite Säule zunehmend entsolidarisiere und individualisiere, werde die Idee des generationenübergreifenden Versichertenkollektivs und damit der Risikokapazität, solche Zyklen auszuhalten, ausgehöhlt. Die in der zweiten Säule geltenden Rahmenbedingungen – namentlich das Obligatorium und die Arbeitgeberbindung der beruflichen Vorsorge – sorgten zumindest bei konstanten Arbeitgeberverhältnissen für einen langen Anlagehorizont und dadurch für eine hohe Risikofähigkeit, sagt er. Mit der Ausstattung der zweiten Säule mit diesen Rahmenbedingungen gehe aber auch ein Leistungsauftrag einher, diese Risikofähigkeit zu nutzen und ein entsprechendes Rendite- bzw. Leistungsziel anzustreben. Ein immer stärkerer Transfer von Risiken von Arbeitgebern zu den Arbeitnehmern könne auch als Verweigerung dieses Leistungsauftrags aufgefasst werden. Dies spiele der politischen Linken in die Hände, die die Existenzberechtigung der zweiten Säule infrage stelle und die Sozialversicherung in die erste Säule verlagern möchte.


Pensionierungsverlust

Wie entsteht ein Pensionierungsverlust bei einer Vorsorgeeinrichtung? Als Beispiel kann folgende Rechnung des Finanzdienstleisters VZ Vermögenszentrum dienen. So wird derzeit die Altersrente eines 65-jährigen in Pension gehenden Arbeitnehmers mit einem obligatorischen Altersguthaben von 100 000 Fr. mit dem BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8% berechnet. Er erhält also eine jährliche Rente von 6800 Fr. je 100 000 Fr.

Der rechnerisch korrekte Umwandlungssatz läge aber nur bei 5,3%, eigentlich dürfte die Rente nur 5300 Fr. betragen. Folglich bezahlt die Pensionskasse jährlich auf 100 000 Fr. Vorsorgevermögen 1500 Fr. zu viel Rente aus und muss diese als Kapital zurückstellen. Wie Vertreter des Finanzdienstleisters ausführen, wird wiederum mit den korrekten 5,3% kapitalisiert – die Rechnung lautet also 1500 Fr. dividiert durch 5,3% – was einen Zusatzbedarf von 28 302 Fr. zu den 100 000 Fr. Altersguthaben ergebe.

Damit die versicherte Person bei der Pensionierung die garantierte Altersrente von 6800 Fr. erhält, werde ein Altersguthaben von 128 302 Fr. benötigt. Die Vorsorgeeinrichtung finanziere das fehlende Altersguthaben von 28 303 Fr. je 100 000 Fr. Jedem Neu-Rentner würden also fast 30% Zusatzkapital geschenkt.


Quelle: NZZ
23.12.2016

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23.12.2016

«Dreckwolke» über Luzern

Die Klima-Allianz will die Pensionskassen dazu bringen, ihre Investitionen in fossile Geldanlagen zu beenden. Dafür zogen sie am Freitag mit einer grossen Wolke durch Luzern.

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«Die Anlagen der Pensionskasse des Kantons Luzern in fossile Energie sind klimaschädlich und unsicher», schreibt die Klima Allianz in einer Mitteillung. «Es gibt in der Schweiz Pensionskassen, die seit Jahren ohne fossile Energie investieren und damit eine überdurchschnittliche Rendite erzielen», erläutert Christian Lüthi, Geschäftsleiter der Klima-Allianz Schweiz.

Die Klima-Allianz führe seit Anfang November eine Kampagne zu den «klimaschädlichen und risikoreichen Investitionen von Schweizer Pensionskassen in fossile Energie».

In der Klima-Allianz organisieren sich schweizweit rund 70 Organisationen und Parteien. Zum Beispiel die SP, die Grünen, Greenpeace, WWF, Pro Natura und kirchliche Stiftungen wie «Brot für alle» und Fastenopfer.

Quelle: Luzerner Zeitung
23.12.2016

4.12.2016

Auch Rentner müssen teilen

Ab Januar gelten neue Regeln für den Vorsorgeausgleich bei einer Scheidung. Halbe-halbe gilt künftig auch in Fällen, in denen das bisher ausgeschlossen war.

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Ist die Ehe am Ende, kommt es zum Ausgleich. Frau und Mann müssen bei einer Scheidung teilen, was sie während der Ehe in der Pensionskasse angespart haben. Wer mehr auf seinem Konto hat, muss dem anderen die Hälfte der Differenz überweisen. Dieser Grundsatz gilt auch für eingetragene Partnerinnen und Partner, wenn sie sich trennen. Der Vorsorgeausgleich trägt zusammen mit dem Splitting in der AHV dazu bei, die Folgen einer Scheidung im Alter zu mildern.

Schon kurz nach Einführung im Jahr 2000 stiessen aber die Regeln zum Vorsorgeausgleich auf Kritik. Die einen sagten, es komme in vielen Fällen nicht zu einer gerechten Teilung. Andere bemängelten, die rechtlichen Vorgaben seien zu starr und liessen kaum Spielraum für einvernehmliche Lösungen übrig.

Beides soll mit den neuen Regeln korrigiert werden. Sie treten am 1. Januar in Kraft und bringen teils gewichtige Änderungen. «Künftig wird häufiger geteilt», sagt Ueli Kieser, Professor für Sozialversicherungsrecht an der Uni St. Gallen. Gleichzeitig gebe es mehr Flexibilität für alternative Lösungen, sagt Urs Gloor, Richter am Bezirksgericht Zürich.

Welches die wichtigsten Neuerungen sind, zeigt der nachfolgende Überblick.

Halbe-halbe für Rentner: Neu werden die Pensionskassenguthaben auch geteilt, wenn ein Ehegatte bei der Scheidung bereits in Rente oder invalid ist. Nach dem geltenden Recht war dies ausgeschlossen. Da durften die Pensionskassengelder nicht mehr angetastet werden, wenn der Ehemann oder die Ehefrau schon eine Rente bezog. Stattdessen gab es für die ausgleichsberechtigte Person eine Abfindung. «Oft hatte der Zahlungspflichtige aber nicht genug Geld, um dem anderen eine angemessene Abfindung zu bezahlen, weshalb diese Regelung in der Praxis zu teils stossenden Resultaten geführt hat», sagt Richter Urs Gloor.

Künftig gilt halbe-halbe für IV- und für Altersrentner. Bei den Bezügern einer IV-Rente wird das Altersguthaben geteilt. Bei den Pensionierten kommt es zur Teilung der Rente. Dabei hätten die Gerichte einen Ermessensspielraum, wie sie die Teilung vornehmen, sagt Ueli Kieser. Es gilt jedenfalls auch da der Grundsatz: Wer die höhere Rente hat, muss dem anderen die Differenz ausgleichen. Dieser erhält dann eine lebenslange Rente aus der Vorsorge seines geschiedenen Partners.

Vorteil für Nichterwerbstätige: Eine Verbesserung bringt das neue Recht für Geschiedene, die selber keine berufliche Vorsorge haben. Sei es, weil sie während der Partnerschaft nicht berufstätig waren oder zu wenig verdienten, um einer Pensionskasse beitreten zu können. Sie mussten bisher das Vorsorgeguthaben, das sie bei der Scheidung vom Ex-Partner bekamen, in eine Freizügigkeitsstiftung einbringen und konnten es im Alter nur als Kapital beziehen. Neu haben sie die Möglichkeit, das Geld in die Pensionskasse der nationalen Auffangeinrichtung BVG einzubringen und es nach der Pensionierung in eine Rente umwandeln zu lassen.

Meldepflicht für Kassen: Vorsorgeeinrichtungen müssen ab 2017 jährlich ihren Versichertenbestand der Zentralstelle 2. Säule melden. Damit soll es nicht mehr möglich sein, dass Ehegatten einen Teil ihrer Vermögenswerte vor dem anderen verstecken, um es der Teilung zu entziehen.

Herkunft der Mittel angeben: In der Regel wird beim Ausgleich das Geld aus der Kasse der zahlungspflichtigen Person auf die Kasse der berechtigten Person übertragen. Dabei ist künftig immer auszuweisen, welcher Teil des Guthabens zur obligatorischen Versicherung gehört. So sei sichergestellt, dass auch nach der Übertragung der Mindestzinssatz und der gesetzlich vorgeschriebene Umwandlungssatz angewandt würden, sagt Rechtsexperte Ueli Kieser.

Neuer Stichtag für die Teilung: Bislang wurden die Guthaben aufgeteilt, die am Ende eines Scheidungsverfahrens vorhanden waren. Manch einer habe dies ausgenutzt und das Scheidungsverfahren verzögert, um davon zu profitieren, dass in dieser Zeit das Pensionskassenvermögen weiter anwuchs, sagt Roland Fankhauser, Professor für Zivilrecht an der Uni Basel. Dem setzt das neue Gesetz nun ein Ende: Der Stichtag für die Teilung wird vorverschoben. Massgebend ist jetzt das Pensionskassenguthaben, das zu Beginn des Scheidungsverfahrens vorhanden ist.

Komplizierter, aufwendiger

Vergleicht man die Neuerungen mit dem bisherigen Recht, so zeigt sich, dass die einen künftig beim Vorsorgeausgleich besser wegkommen, den anderen bringen die Änderungen eher Nachteile. Weil das neue Recht aber mehr Flexibilität zulasse, sei es künftig eher möglich, von einer strikten Teilung abzuweichen, sagt Richter Urs Gloor. So könnten auch andere Vermögenswerte für den Ausgleich miteinbezogen und mit der Vorsorge verrechnet werden. Gloor geht davon aus, dass es insgesamt zu gerechteren Lösungen komme als bisher.

Für die Gerichte werde der Vorsorgeausgleich aber komplizierter, so Gloor. «Wir müssen viel mehr Faktoren berücksichtigen und beim Ausarbeiten einer Lösung jeweils die Vorsorgesituation beider Ehegatten im Auge behalten.» Auch die Pensionskassen rechnen mit einem höheren Aufwand für die Abwicklung des Vorsorgeausgleichs, wie Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassenverbands Asip, sagt. Zudem führe die Umstellung zu einmaligen Mehrkosten, weil Software, Reglemente und Formulare angepasst und die Mitarbeiter geschult werden müssten.

Die gesetzlichen Neuerungen werden ab dem 1. Januar auch angewendet auf Scheidungsverfahren, die vor den kantonalen Gerichtsinstanzen hängig sind. Umstritten sei jedoch, ob das auch für den Stichtag der Teilung gelte, sagt Rechtsprofessor Roland Fankhauser. Wenn ja, würde der Stichtag quasi rückwirkend auf den Beginn eines laufenden Scheidungsverfahrens vorverschoben.

Tabelle

Quelle: Tages-Anzeiger
04.12.2016

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21.11.2016

Schweizer Vorsorgesystem – Immerhin Renten

Die Lage von privaten und institutionellen Sparern ist unerfreulich. Trotzdem ist das Schweizer Vorsorgesystem stabiler als viele andere in der Welt. …mehr

Der durchschnittliche amerikanische Haushalt von Erwerbstätigen hat praktisch keine Ersparnisse fürs Alter. 2500 $ sind es im Schnitt. Das ist der Median. Das heisst: 50% der Haushalte haben mehr, 50% haben weniger. Bei Haushalten von Erwerbstätigen kurz vor dem Rückzug aus dem Erwerbsleben, sind es 14 500 $. Rund zwei Drittel aller Haushalte mit Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 haben weniger als ein Jahreseinkommen auf der hohen Kante. Das wird nicht reichen, um den Lebensstandard nach der Pensionierung zu halten.

Kein Wunder, schaffen es die USA im soeben erschienenen Ranking der Beratungsfirma Mercer nicht über einen mittleren Rang hinaus (siehe Tabelle oben). Seit 2009 rangiert Mercer zusammen mit dem Australian Centre for Financial Studies in der Studie «Melbourne Global Pension Index» die Vorsorgesysteme von 27 Ländern. Bewertet werden Angemessenheit, Nachhaltigkeit, Integrität der Systeme entlang Dutzender Kriterien. Zu verdienen sind 100 Punkte. Die Schweiz hat im Vergleich mit dem vergangenen Jahr zwar 2 Ränge eingebüsst. Aber mit Rang 6 und 68,6 Punkten befindet sich unser Vorsorgesystem immer noch deutlich über dem Mittelfeld und auch über dem Durchschnitt.

Wieso fällt unser Land zurück? In Umlageverfahren wie bei der AHV – die Arbeitnehmer zahlen die Renten der Pensionäre direkt mit ihren Beiträgen – schlägt die steigende Lebenserwartung zu Buche; in Kapitaldeckungsverfahren wie bei der zweiten Säule (BVG) fordert zusätzlich dazu die Tiefzinslage ihren Tribut. Ein Blick zurück zeigt auf, wie dramatisch das ist: Zwischen 1985, als das BVG-Obligatorium eingeführt wurde, und dem Start der Finanzkrise 2008 pendelte das allgemeine Zinsniveau im Schnitt um rund 4%. Seit der Finanzkrise jedoch sind die Zinsen in vielen wichtigen Anlagewährungen gegen null gesunken. Im Schweizer Franken sind sie gar negativ, was besonders schlimm ist für unsere Pensionskassen, müssen sie Renten doch in Franken zahlen. Die steigende Lebenserwartung und die Null-Zins-Welt setzt der zweiten Säule derart zu, dass die Pensionskassen seit längerem daran sind, Renten zu senken.

Prominente Beispiele wie die Zürcher Pensionskasse BVK und die Bundespensionskasse Publica machen es vor. Bei der BVK sinken die Umwandlungssätze ab 2017 um 21%. Der sogenannte Umwandlungssatz bestimmt die Rentenhöhe im Alter.
Die Publica wiederum hat just diese Woche angekündigt, dass sie auf Mitte 2018 den Umwandlungssatz von 5,65% auf 5,09% reduziere. Das entspricht einer Rentensenkung von 10%. Um ein Beispiel zu machen, wie der Umwandlungssatz funktioniert: Für 100 000 Fr. Sparkapital kriegen Publica-Rentner inskünftig noch eine Jahresrente von 5009 Fr. statt 5065 Fr. Im Interview mit der «NZZ am Sonntag» (siehe Seite 102) verteidigt der BVK-Chef, Thomas Schönbächler, Rentensenkungen. Er sagt: «Die Lebenserwartung nimmt alle zehn Jahre um über ein Jahr zu. Wir haben rekordtiefe Zinsen.» Dadurch, dass man den Umwandlungssatz reduziere, sichere man das finanzielle Gleichgewicht der Kasse und schütze die junge Generation. «Die Jungen werden nicht unbedingt tiefere Renten haben, da sie noch viel Zeit haben, um Geld anzusparen.»

Wieso aber dürfen Umwandlungssätze überhaupt unter 6,8% gesenkt werden? Das ist die Grösse, welche das Gesetz vorschreibt. 6,8% gelten aber eben nur für das «obligatorische» Geld, das heisst jene Sparbatzen, die auf dem Lohn bis 84 600 Fr. generiert wurden. Für Sparfranken, die auf darüberliegenden Lohnteilen erwirtschaftet werden, sind Pensionskassen frei, jenen Umwandlungssatz zu wählen, den sie für richtig halten. Im Schnitt kann deshalb der Umwandlungssatz viel tiefer liegen als 6,8%.

Quelle: NZZ
21.11.2016

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8.11.2016

Ständeratskommission hält an AHV-Zuschlag fest

Bei der Reform der Altersvorsorge zeichnet sich keine rasche Einigung ab. Die Sozialkommission des Ständerats hält am AHV-Zuschlag von 70 Franken fest. Ein Rentenalter 67 lehnt sie einstimmig ab.

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Ziel der Rentenreform ist es, AHV und berufliche Vorsorge auf eine gesunde finanzielle Basis zu stellen. National- und Ständerat sind sich einig, dass dazu unter anderem der Umwandlungssatz in der obligatorischen beruflichen Vorsorge von 6,8 auf 6 Prozent gesenkt werden muss. Die Renten sinken dadurch auf einen Schlag um 12 Prozent.

Der Nationalrat will diese Einbussen im Wesentlichen durch höhere Pensionskassenbeiträge ausgleichen. Einbussen in der zweiten Säule müssten in der zweiten Säule ausgeglichen werden, sagte die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter, die dieses Konzept in der Kommission vertrat.

Mit 8 zu 5 Stimmen beschloss die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) jedoch, an den Beschlüssen des Ständerats vom Herbst 2015 festhalten: Auf neuen AHV-Renten soll ein Zuschlag von 70 Franken gezahlt werden. Auch die Ehepaarrenten würden steigen.

Deutlich höhere Kosten

Kommissionspräsident Konrad Graber (cvp., Luzern) argumentierte mit den Kosten: Bis 2030 sei die Lösung des Nationalrats 24 Milliarden Franken teurer als jene des Ständerats, sagte er nach der Sitzung am Dienstag. Graber stützte sich dabei auf neue Berechnungen der Verwaltung.

Der von SVP und FDP dominierte Nationalrat hält die höheren Kosten für gerechtfertigt, weil das Geld in der zweiten Säule direkt dem Alterskonto der Versicherten gutgeschrieben wird. Die kleine Kammer, in der SP und CVP die Mehrheit stellen, setzt hingegen auf die AHV.

Diese habe bei der heutigen Zinssituation ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis, sagte SGK-Mitglied Paul Rechsteiner (sp., St. Gallen). «Wer rechnet, stellt fest, dass man in der AHV für die gleiche Rente viel weniger zahlt.»

Politisches Kalkül

Einstimmig lehnte die Kommission die sogenannte Stabilisierungsregel für die AHV ab. Nach dem Willen des Nationalrats soll das Rentenalter automatisch auf 67 Jahre ansteigen, falls der AHV-Fonds unter 80 Prozent einer Jahresausgabe fällt. Parallel dazu würde die Mehrwertsteuer um 0,4 Prozent angehoben.

Im Hinblick auf eine Volksabstimmung will die SGK auf diesen Automatismus verzichten. Über ein höheres Rentenalter müsse im Rahmen einer späteren AHV-Reform diskutiert werden, erklärte Graber.

Neben der Kompensation und der Stabilisierungsregel gibt es weitere umstrittene Punkte. Diese betreffen den Koordinationsabzug, die für die AHV nötigen Mehrwertsteuer-Erhöhungen, den Bundesbeitrag, die Kinder- sowie die Waisen- und Witwenrenten. Unter dem Strich kostet das Paket der Ständeratskommission 3,3 Milliarden Franken im Jahr 2030, gegenüber 4,5 Milliarden Franken in der Version des Nationalrats.

Enger Zeitplan

Die Reform der Altersvorsorge kommt in der Wintersession zum zweiten Mal in den Ständerat. In der Frühjahrssession soll die Vorlage bereinigt werden. Die Eile ist geboten, denn Ende 2017 läuft die Zusatzfinanzierung der IV von 0,4 Prozent aus. Ab 2018 sollen 0,3 Prozent davon nahtlos für die AHV verwendet werden. Der letztmögliche Abstimmungstermin für die nötige Verfassungsänderung ist der 24. September 2017.

Quelle: NZZ
08.11.2016

23.9.2016

«Schönreden ist unehrlich» – Strukturelle Probleme des Vorsorgesystems müssen angegangen werden

In einem Interview in der «Finanz und Wirtschaft» spricht unser Forschungsleiter Sozialpolitik über den Druck, unter dem die Vorsorge heute an allen Fronten steht. Jérôme Cosandey konstatiert, dass es eine Rentenreform brauche, die Opfer von Jung und Alt verlangt. Das ist politisch zwar nicht attraktiv, aber die Realität.

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«Finanz und Wirtschaft»: Herr Cosandey, wie beurteilt die Denkfabrik Avenir Suisse die Belastung durch Demografie und Niedrigzinsen für unser Vorsorgesystem?

Jérôme Cosandey: Diversifikation ist ein wichtiges, stabilisierendes Element unserer Altersvorsorge: Während die AHV vor allem Risiken der Demografie und der inländischen Konjunktur ausgesetzt ist, sind zweite und dritte Säule primär den internationalen Kapitalmärkten ausgeliefert. Trotz Diversifikation steht die Vorsorge heute an allen Fronten unter Druck. Anpassungen sind in jeder Säule nötig, ohne aber das Gesamtsystem infrage stellen zu müssen.

Wann ist die Belastungsgrenze für die jüngeren Generationen, die einer wachsenden Zahl älterer Leute gegenüberstehen, überschritten?

Die AHV schrieb 2014 rote Zahlen von 0,5 Mrd. Fr., und in der beruflichen Vorsorge finden systemwidrige Umverteilungen von bis 50 000 fr. pro Neurentner statt – auf Kosten der aktiven Bevölkerung. Die Frage lautet nicht, wann die Belastungsgrenze überschritten ist, sondern, wie lange man solche Zustände dulden will. Es braucht eine Lösung, die Opfer von Jung und Alt verlangt. Das ist politisch zwar nicht attraktiv, aber die Realität. Schönreden ist unehrlich.

Alterspyramide

Mit der «Altersvorsorge 2020» will der Bundesrat AHV und berufliche Vorsorge revidieren. Wie sind die Erfolgsaussichten?

Der Ständerat hat die Vorlage mit einem Ausbau der AHV angereichert. Das hat in einer Reform, die vor allem die finanzielle Sicherheit gewährleisten muss, keinen Platz. Die Kommission des Nationalrats hat dies korrigiert, dafür die Reform mit politisch heiklen Vorschlägen beladen: Kürzung der Witwenrente, unvollständige Kompensation der Senkung des Umwandlungssatzes. Die Bereinigung zwischen beiden Kammern wird dadurch komplex. Es braucht einen Kraftakt, um rechtzeitig ein mehrheitsfähiges Paket zu schnüren.

Warum tut sich die Schweiz so schwer mit der Reform der Vorsorge?

Vorsorgereformen sind überall schwierig. Anders als bei einer Revision der Invaliden- oder der Arbeitslosenversicherung hoffen bei der Altersvorsorge alle, einmal eine Rente zu erhalten. Leistungsanpassungen sind deshalb unpopulär. Zudem geht es uns in der Schweiz immer noch gut, die Renten werden bezahlt, die Staatsverschuldung ist niedrig. In anderen Ländern, die vor allem staatlich finanzierte Vorsorgesysteme kennen, hat die prekäre Haushaltsituation geholfen, die Reformdiskussionen zu fokussieren. So wurde in achtzehn OECD-Ländern ein gesetzliches Rentenalter von 67 bzw. 68 Jahren bereits beschlossen. Die Schweiz hinkt trotz einer der höchsten Lebenserwartungen der Welt hinterher.

Würde man das Vorsorgesystem heute neu bauen, wie sähe es aus?

Grundsätzlich würde ich weiterhin auf dem bewährten Dreisäulenkonzept aufbauen. In der ersten Säule wäre jedoch auf die Rentenanpassung mit dem Mischindex zu verzichten. Dafür würde ich für die Bestimmung der Pension von Neurentnern zwar die Lohnentwicklung berücksichtigen, die so ermittelte Rente nachher jedoch nur noch an die Teuerung anpassen.

Und in der zweiten Säule?

Ich würde, wie in Liechtenstein, Mindestzins und Umwandlungssatz nicht im Gesetz verankern, sondern den paritätisch besetzen Stiftungsräten übertragen. Auf den Koordinationsabzug, der Teilzeitangestellte benachteiligt, wäre zu verzichten. Die Arbeitnehmer sollten für die Verwaltung ihrer BVG-Ersparnisse die Pensionskasse wählen können, und in beiden Säulen sollte das Pensionsalter voll flexibilisiert werden.

Wie sieht das Schweizer Vorsorgewesen in zehn Jahren aus?

Ich gehe davon aus, dass das Parlament eine Reform des kleinsten gemeinsamen Nenners verabschieden wird. Das gibt Luft für höchstens zehn Jahre, ohne dass strukturelle Probleme wie dasjenige des Rentenalters angegangen werden. Bedenkt man, dass die AHV letztmals 1994 und die berufliche Vorsorge 2003 revidiert wurde, ist für die nächsten Anpassungen keine Zeit zu verlieren. Es wird also gleich die nächste Reform anstehen.


Dr. Cosandey setzt sich seit 2011 als Senior Fellow und Forschungsleiter Sozialpolitik von Avenir Suisse mit dem Reformbedarf in der Altersvorsorge, der Organisation und Finanzierung der Alterspflege und Fragen der Altersarbeit auseinander. Nach seiner Promotion an der ETH war er mehrere Jahre als Strategieberater bei The Boston Consulting Group, danach bei der UBS tätig. Jérôme Cosandey hält zudem einen Master der Universität Genf in internationaler Wirtschaftsgeschichte.

Quelle: Avenir Suisse
23.09.2016

21.9.2016

«Die Vorsorgereform muss gelingen» – Interview mit Ivo Furrer, CEO Swiss Life Schweiz

Niedrigzinsen und Alterung setzen dem Vorsorgesystem immer mehr zu. Ivo Furrer, Chef von Swiss Life Schweiz, hält deshalb die Initiative AHVplus für schädlich.

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FuW: Herr Furrer, die alternde Bevölkerung und die niedrigen Zinsen stellen die Vorsorgeeinrichtungen vor grosse Herausforderungen. Wie beurteilen Sie den Gesundheitszustand des Systems und seiner Einrichtungen auf einer Skala von eins bis sechs?
Ivo Furrer:Den heutigen Zustand würde ich mit einer Vier bewerten, also mit einem Genügend. Das schweizerische Vorsorgesystem ist mit den drei Säulen AHV, berufliche Vorsorge und individuelles Alterssparen unter den weltbesten, zehrt aber zu sehr von Polstern. Da ist viel Reformbedarf. Wir wollen in der Schweiz ja nicht bei einer Vier bleiben, sondern eine bessere Note anstreben. Da müssen wir alle daran arbeiten.

Wo sind die grössten Mängel?
Wegen der Entwicklung der Lebenserwartung und der tiefen Zinsen ist der gesetzliche Umwandlungssatz der beruflichen Vorsorge viel zu hoch. Er bestimmt, welcher Prozentsatz des gesparten Kapitals den künftigen Pensionierten als Rente jährlich ausgezahlt wird. Weil zu viel versprochen wird, kommt es zu einer ungleichen Verteilung von Anlageertrag. Das ist ungerecht und unnötig. Wer nun denkt, die notwendige Umwandlungssatzsenkung mit der AHVplus-Initiative zu kompensieren, geht einen falschen Weg. Ein solcher AHV-Ausbau würde der ganzen Bevölkerung sehr hohe Finanzierungskosten aufbürden.

Wiegt schwerer, dass stetig weniger jüngere Leute für immer mehr ältere Menschen einzahlen müssen oder dass Negativrenditen am Vorsorgekapital nagen?
Beides in sich sind hohe Hürden, und die Kombination der beiden macht die Herausforderung noch viel grösser. Beim Thema Lebenserwartung muss man auch über den Generationenvertrag nachdenken. Wenn besonders in der zweiten Säule die Erwerbstätigen die Rentnerinnen und Rentner mit rund 1000 Fr. pro Jahr mitfinanzieren müssen, ist das eine gravierende Fehlentwicklung. Demografie und Zinsen sind Grössen, die weitgehend gegeben sind. Aber es kommt noch etwas hinzu, wo in unserem Land durchaus Spielraum für Einflussnahme ist, nämlich die Regulierung. Die Kapitalforderungen an die Lebensversicherer sind rund doppelt so hoch wie im Rest von Europa, wie eine Studie der Universität St.Gallen belegt.

Welche Anpassungen fordern Sie, auch als Mitglied des Schweizerischen Versicherungsverbands?
Das Ziel muss sein, die Konkurrenzfähigkeit des Versicherungsstandorts Schweiz zu erhalten. Wir setzen uns dafür ein, dass der von der Finanzmarktaufsicht viel zu scharf kalibrierte Schweizer Solvenztest SST nicht zu massiv überhöhten Kapitalanforderungen für Schweizer Versicherer führt. Die Kapitalanforderungen müssen international vergleichbar sein. Ein moderater Zusatz – ein Swiss Finish – mag sein. Aber es darf nicht so bleiben, dass die Anforderung bei uns doppelt so hoch ist wie in der EU.

Wie rechnen sich die 1000 Fr. pro Jahr, die jeder Beschäftigte offenbar durch Einzahlungen in die Vorsorge für Rentner aufbringen muss?
Wenn das Geld, das in der zweiten Säule individuell gespart wird, mit einem zu hohen Umwandlungssatz versehen ist, reicht das Sparkapital nicht für die Dauer des voraussichtlichen Rentenbezugs. Dann muss die Differenz aus Reserven oder zulasten der Beschäftigten bestritten werden. So braucht es rund 1000 Fr. jährlich je Erwerbstätigen, um zu grosszügig berechnete Renten mitzufinanzieren, wie Swisscanto ermittelt hat.

Die «Altersrentenreform 2020» des Bundesrats sieht auf dem obligatorischen Teil der Zweitsäulevermögen in vier Jahren einen Umwandlungssatz von 6% vor, nach zurzeit 6,8%. Was wäre der mathematisch richtige Satz?
Im überobligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge lässt sich schon lange ablesen, was realistisch ist. Da ist der Umwandlungssatz erheblich niedriger. Nur so geht für die Pensionskassen und die Versicherer die Rechnung noch auf. Auf das Ganze bezogen ist zukunftsgerichtet ein Umwandlungssatz in der Grössenordnung von 5% angebracht.

Weshalb schlägt der Bundesrat dennoch 6% vor?
Die 6% dürfen nicht losgelöst betrachtet werden. Es ist das Ansinnen der bundesrätlichen Reform, das jetzige Leistungsniveau beizubehalten. Das ist der stabilisierende Faktor in unserer Altersvorsorge, und das wird von breiten Kreisen akzeptiert, einschliesslich der bürgerlichen Parteien. Die Versicherer unterstützen die Reform nachdrücklich.

Muss mehr Geld fürs Alter bereitgestellt und der Übergang zur Pensionierung hinausgeschoben werden?
AHV und Pensionskasse sind in einer Gesamtschau zu betrachten. Die nationalrätliche Kommission hat eine Stabilisierungsklausel in den Reformvorschlag eingebracht, die in letzter Konsequenz stufenweise zum Pensionierungsalter 67 führen würde. Das ist eine politische Frage. Ich persönlich begrüsse es, dass man das Rentenalter enttabuisiert. Auch der Bundesrat sieht übrigens eine Stabilisierungsregel vor, nur anders finanziert.

Sind die Arbeitgeber mit Blick auf die höheren Sparbeiträge zur Beschäftigung über 65-Jähriger bereit?
Die Arbeitgeber beginnen umzudenken und werden mehr dafür tun, ältere Mitarbeitende länger im Arbeitsprozess zu halten. Ihre Vorsorgebeiträge liegen in der Regel um einen geringen zweistelligen Betrag pro Monat höher und fallen ehrlicherweise nicht ins Gewicht, um Menschen über das reguläre Pensionierungsalter hinaus zu beschäftigen – vorausgesetzt, die betreffende Person ist agil und hält mit der Entwicklung im Arbeitsprozess Schritt. Da sehe ich keinen Hinderungsgrund. Schauen Sie nur, wie Senioren mit der neuen Technologie umgehen. Die meisten haben mit Smartphone und Tablet wenig Probleme. Die einzige Einschränkung ist die körperliche Abnutzung. Wer einen körperlich anstrengenden Beruf hat, kann oft nicht länger arbeiten. Diese Situation ist anders zu beurteilen.

Bleiben Rentenkürzungen tabu?
Das ist letztlich auch wieder eine politische Frage. Persönlich denke ich, dass es unklug, ja ungerecht wäre, bereits laufende Renten zu kürzen. Die wichtigsten Merkmale des Vorsorgesystems sind Verlässlichkeit und Vertrauen. Würde man sich nicht mehr an Garantiezusagen halten, ginge viel Vertrauen verloren. Der Schaden wäre enorm.  

Gemäss Empfehlung der eidgenössischen BVG-Kommission soll der Bundesrat den Mindestzins der beruflichen Vorsorge für 2017 von 1,25 auf 1% senken. Was halten Sie davon?
Seit der letzten Festlegung ist das ganze Zinsgefüge deutlich nach unten gerutscht. Deshalb muss der BVG-Mindestzins für 2017 stärker sinken, als die BVG-Kommission vorschlägt. Wir unterstützen die Forderung des Schweizerischen Versicherungsverbands, den Mindestzins auf 0,5% zu vermindern. Das wäre immer noch hoch im Vergleich zu den Zinsen auf dem Bank- bzw. dem Sparkonto.

Die jährliche Zinsgutschrift auf dem individuellen Konto der beruflichen Vorsorge hat wesentlichen Einfluss auf die Rentensumme. Wie gelingt Ihrem Unternehmen ein möglichst gutes Anlageresultat?
Im Investmentbereich sind vermietete Immobilien als Ergänzung von Anleihen, Darlehen und Hypotheken ideal. Auch Dividenden der Aktienanlagen helfen, die Renten zu bezahlen. Das Preisschwankungsrisiko muss aber berücksichtigt werden. Deshalb haben Aktieninvestments in unserem Portefeuille nur rund 4% Gewicht. Swiss Life hat jedoch die garantierten Zinsen des gesamten Kontraktbestands und auch die eigene Zinsmarge auf Jahrzehnte hinaus gesichert. Die dazu nötigen Rückstellungen hat unser Unternehmen in den zurückliegenden Jahren massiv vergrössert.

Wie gefährlich wird es, wenn es im überhitzten Liegenschaftenmarkt zu einer Preiskorrektur käme?
Immobilien sind seit über hundert Jahren ein wichtiger Bestandteil unserer Anlagephilosophie. Rund ein Fünftel des gut 100 Mrd. Fr. grossen Vermögens unseres Schweiz-Geschäfts ruht auf Immobilien. Als grosser institutioneller Anleger verstehen wir, mit den Marktbewegungen über die verschiedenen Zyklen umzugehen. Die Preise von Immobilien sind gestiegen, von einer Überhitzung oder einer Blase kann man jedoch nicht sprechen.

Weshalb hält Swiss Life an Unternehmens- und Staatsobligationen fest, die zum Marktwert betrachtet kaum noch rentieren?
Die aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen des Schweizer Solvenztests SST favorisieren Zinspapiere, eben beispielsweise Staatsanleihen. Andere Anlageklassen verursachen eine umfangreichere Kapitalhinterlegung.

Gerade die als besonders sicher geltenden Bundesobligationen weisen heute wegen der Notenbankpolitik mehrheitlich eine negative Verfallrendite auf. Erwirbt Ihr Unternehmen dennoch solche Neuemissionen?
Bisher haben wir keine Bundesobligationen zu Negativrendite gezeichnet.

Wie teuer kommt Swiss Life der Negativzins, den Banken auf den Konten von Grosskunden verrechnen?
Cash halten wir fast keines, da unser Geschäft auf Langfristigkeit ausgerichtet ist. Wir haben so bisher auch praktisch keine Negativzinsen bezahlt.

Wie hat das Unternehmen trotz der Niedrigzinslage ein ausgezeichnetes Semesterergebnis vorlegen können?
Vorausschauend ändern wir seit Jahren Stück um Stück das geschäftliche Profil. Wir forcieren Kommissionsgeschäfte, weil sie im Vergleich zur Versicherung wenig Eigenkapital binden. Die profunden Kompetenzen unseres Unternehmens werden für ergänzende Dienstleistungen genutzt, besonders im Immobilienhandel, in der Liegenschaftenverwaltung, im Asset Management sowie für den Vertrieb von Policen anderer Versicherer.

Weshalb vermitteln Sie lieber Produkte von Wettbewerbern, statt die Kunden für das eigene Sortiment zu begeistern?
Unser eigener Aussendienst schlägt den angestammten Kundensegmenten in der Vorsorge ausschliesslich Swiss-Life-Policen vor. Der Geschäftsteil Swiss Life Select aber vermittelt nach dem Best-Select-Ansatz einer tendenziell jüngeren und eher städtischen Kundschaft Angebote des eigenen Hauses wie auch anderer Versicherer. Dabei kommt das in der jeweiligen Konstellation passendste Produkt zum Zug. Mit dem Vertrieb von Fremdprodukten verdienen wir gutes Geld. Unser Unternehmen erhält im Minimum die Vertriebsmarge und etabliert eine zusätzliche Kundenbeziehung.

Sparen die Menschen heute vermehrt individuell, weil dem Vorsorgesystem weniger zugetraut wird?
Der Bedarf ist unbestritten. Das Schweizer Vorsorgesystem ist sicher, aber die zu erwartende Jahresleistung wird wegen zunehmender Lebenserwartung und der niedrigen Zinsen geringer ausfallen. Wer vorausschaut, füllt die Lücke durch eigene Sparanstrengungen.

Profitiert Swiss Life von dieser Situation?
Nicht jeder und jede kann im Budget jährlich über 6700 Fr. unterbringen für die Einzahlung in die steuerbevorteilte Säule 3a. Zudem müssen wir wegen der desolaten Zinssituation die Lebensversicherungspolicen klassischen Zuschnitts mit Kapital- und Zinsgarantie ersetzen durch angepasste Angebote, die begrenzte Garantien, aber dafür grössere Renditechancen bieten.

Was ist noch sicher an Versicherungspolicen ohne Garantiezusage?
Anstelle der garantierten Zinsen wird eine andere Art von Sicherheit bedeutsam, die Beratungsqualität. So finden wir eine den Bedürfnissen des Kunden entsprechende Lösung. Darunter sind ganz neue Investmentprodukte, deren Anlagestruktur vom Kunden mitbestimmt oder gänzlich uns delegiert ist. Der Schlüssel zum Erfolg sind unser Markenname und das Vertrauen des Kunden in unsere Anlagekompetenz.

Berät ein Versicherer besser als eine Bank?
Ob besser oder nicht, will ich gar nicht beurteilen. Das Investmentbedürfnis richtig zu erfassen und die passende Lösung vorzuschlagen, das nenne ich Beratungsqualität. Dazu hilft uns die langjährige Kompetenz und Reputation in der Vermögensverwaltung.

Ein Blick in die Zukunft: Wo wird das schweizerische Vorsorgewesen in zehn Jahren stehen?
Die Bevölkerung nimmt die finanzielle Altersvorsorge immer deutlicher als persönliche Verantwortung wahr. Die Einsicht wächst, dass nur mit Abstrichen eine Lösung gefunden wird. Der Druck auf die Politiker steigt, über Partei- und Ideologiegrenzen hinweg für eine kluge Stabilisierung des Vorsorgesystems einzustehen. Der Bundesrat hat eine umfassende Vorsorgereform vorgelegt, die allen Seiten vertretbare Kompromisse abverlangt. Diese Reform ist dringend und muss deshalb gelingen.

Quelle: Finanz und Wirtschaft
21.09.201

18.8.2016

Rentenarithmetik mit links

Der Gewerkschaftsbund erneuert die gängigen Regeln der Mathematik. Seine Berechnungen ergeben Rentenkürzungen, auch wenn die AHV-Renten garantiert nicht sinken.

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Im Poker um die Altersvorsorge zählt der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) zu den stärksten Spielern. Früh hat er der Debatte mit dem Schlagwort «Rentenklau» den gewünschten Dreh gegeben. Wer immer am gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent rütteln wollte, bekam von links sauber eins auf den Deckel.

Und was macht der SGB nun? Erstens stellte er seine eigene Pensionskasse Anfang Jahr auf den Beitragsprimat um, womit die Angestellten ihre Leistungsgarantien verloren – gemessen an der reinen syndikalistischen Lehre ist das bereits ein Sakrileg.

Damit nicht genug: Obendrein legte der SGB den Umwandlungssatz bei 6,25 Prozent fest – weit unter dem gesetzlichen Minimum. Damit liegt die Gewerkschafterkasse im Mittelfeld aller Vorsorgewerke. Das ist zulässig, da die SGB-Pensionskasse gut ausgebaut ist und das gesetzliche Minimum übertrifft.

Mit diesem Schritt zeigt sich der SGB erstaunlich flexibel. Als das Parlament den Mindestumwandlungssatz schon nur auf 6,4 Prozent senken wollte, ging er auf die Barrikaden. Das Volk lehnte diesen Schritt 2010 denn auch haushoch ab. Der Umwandlungssatz entscheidet über die Höhe neuer Renten. Ein Satz von 6 Prozent ergibt pro 100'000 Franken Alterskapital noch eine Rente von 6000 Franken im Jahr.

Ist nun also der SGB selber zum «Rentenklauer» geworden? Sprecher Thomas Zimmermann wehrt ab. Der SGB hat als Arbeitgeber genügend Geld in die Pensionskasse eingeschossen, um die älteren Versicherten vor Renteneinbussen zu schützen. Das Personal muss auch keine höheren Lohnabzüge hinnehmen. Glücklich, wer so gross­zügige Arbeit­geber respektive Mitglieder hat.

Darf man denn nun annehmen, dass der SGB inzwischen einsichtig ist und die geplante Reduktion des Mindestumwandlungssatzes auf 6 Prozent unterstützt? Weit gefehlt. Zimmermann sagt, der SGB sehe den tiefen Umwandlungssatz als «hoffentlich kurzfristige» Massnahme wegen der tiefen bis negativen Zinsen. Eine dauerhafte Reduktion lehnt er ab, da es ­mit den Zinsen sicher wieder aufwärtsgehen werde.

Merke: Eine wichtige Variable gewerkschaftlicher Rentenarithmetik ist das Prinzip Hoffnung.

Die argumentative Gymnastik ist noch in einem zweiten Fall imposant. Auf einem SGB-Flugblatt für die grosse «Rentendemo» am 10. September in Bern ist folgende Hiobsbotschaft zu lesen: «Die rechtsbürgerliche Mehrheit im Nationalrat greift die AHV an. Sie fordert Rentenkürzungen (…).»

Ja hoppla! Rentenkürzungen in der AHV? Sind FDP und SVP vom Wahnsinn umzingelt, dass sie ein solches Himmelfahrtskommando planen? Und warum weiss die Öffentlichkeit nichts von dieser Attacke?

Weil es sie nicht gibt. Niemand will die AHV-Renten kürzen – schon gar keine Politiker, die ­wiedergewählt werden wollen.

Also lügen die Gewerkschafter? Sprecher Zimmermann winkt wieder ab. Er verweist darauf, dass SVP und FDP eine Art «AHV-Schuldenbremse» planen, die das Rentenalter mittelfristig schrittweise auf 67 Jahre erhöhen würde. Somit müsste man länger in die AHV einzahlen und bekäme weniger lang eine Rente – nach allen Regeln der Gewerkschaftsmathematik eine glasklare Rentenkürzung.

Nun gut. Beugen wir uns der linken Logik und schauen kurz auf die letzten Jahrzehnte zurück. Obwohl die Lebenserwartung massiv stieg, verharrt das Rentenalter unter der hochheiligen 65er-Schallgrenze. Wir beziehen also immer länger AHV – nach gewerkschaftlicher Rechenkunst eine glasklare Rentenerhöhung. Seltsam nur, dass der SGB auf diesen endlosen AHV-Ausbau nie hinweist. Stattdessen ortet er allenthalben «Rentenabbau».

Fazit: In der Rentendebatte muss man weiterhin mit dem SGB rechnen. Auch wenn nicht immer logisch ist, was dabei herauskommt.

Quelle: Berner Zeitung
18.08.2016

10.7.2016

Begünstigung für Pensionskassengeld frühzeitig regeln

Mein Mann und ich sind beide berufstätig und leben seit elf Jahren zusammen, sind aber nicht verheiratet. Wie können wir sicherstellen, dass wir bei der Pensionskasse nicht leer ausgehen, sondern geschützt sind? B.S. …mehr

Wahrscheinlich haben Sie in der Zeitung über den kürzlichen Bundesgerichtsentscheid gelesen, der viele Konkubinatspaare aufgeschreckt hat. Die Richter aus Lausanne hatten entschieden, dass es nicht genügt, den Partner im Testament als Alleinerben einzusetzen. Das Urteil schreibt vielmehr vor, dass ein unverheiratetes Paar der Pensionskasse melden muss, wenn im Todesfall der Hinterbliebene das PK-Geld bekommen soll. Gleichzeitig hatte das oberste Gericht die Beschwerde einer Frau abgewiesen, deren Partner im April 2014 verstorben war. Das Urteil zeigt, dass Sie als Konkubinatspartnerin in einem Todesfall deutlich schlechter gestellt sind als eine Ehefrau. Diese bekäme automatisch eine Rente von der Pensionskasse. Sie aber nicht.

In einem ersten Schritt empfehle ich Ihnen, die Pensionskassenreglemente der Arbeitgeber von Ihnen und Ihrem Mann zu studieren. Dabei sollten Sie prüfen, ob und inwiefern die Kassen eine Lebenspartnerrente vorsieht und welches die Bedingungen dafür sind. In der Regel verlangen die Kassen, dass ein unverheiratetes Paar wenigstens seit fünf Jahren ununterbrochen zusammenlebt oder für gemeinsame Kinder der Unterhalt getragen wird. Sie können sich auch direkt an Ihre Pensionskasse oder Ihre Personalabteilung wenden. Diese verfügen meist über ein Formular, mit dem die Lebensgemeinschaft gemeldet und die Absicht, dass der hinterbliebene Lebenspartner im Todesfall des Versicherten eine Rente erhalten soll, kundgetan werden kann.

Wie das Bundesgerichtsurteil zeigt, ist es wichtig, dass die Meldung schriftlich vor einem Todesfall erfolgt ist. Ich rate Ihnen daher, nicht abzuwarten, sondern die Sache gleich in die Hand zu nehmen. Immerhin haben die meisten Leute den grössten Teil ihres während ihrer Lebenszeit angesparten Vermögens in der Pensionskasse. Es geht also um viel Geld. Darum ist es wichtig, dass man frühzeitig regelt, wer bei einem Todesfall begünstigt werden soll. Wenn Sie indes Fehler machen und die Lebensgemeinschaft nicht frühzeitig anmelden, laufen Sie Gefahr, das Geld zu verlieren.

Quelle: Tages-Anzeiger
07.07.2016

25.5.2016

Pensionskassen in Schieflage: Rentner erhalten über 3 Milliarden zuviel

Die Aktiven werden systematisch benachteiligt, die Rentner erhalten über 3 Milliarden zuviel. Wegen den tiefen Zinsen wird dieser Effekt noch verstärkt.

Die Schweizer Pensionskassen haben laut einer gestern publizierten Umfrage im letzten Jahr eine Anlagerendite von 1,13 Prozent erzielt. Die meisten Kassen verfügen über genügend Reserven, um auf kurzfristige Schwankungen zu reagieren. Das ist die gute Nachricht. Denn müssten sie heute den Rentnern alles ausbezahlen, wären sie grösstenteils in der Lage dazu.

Doch wie sich das System in der Zukunft entwickelt, das wird derzeit politisch heiss diskutiert. Das Schweizer Rentensystem befindet sich in Schieflage, weil die Schweizer immer länger leben. 1985, als das heutige Rentensystem mit den beiden obligatorischen und der freiwilligen dritten Säule aufgebaut wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei 80 Jahren, bei Frauen waren es 84 Jahre. Unterdessen hat die Lebenserwartung von Männern auf 84,5 Jahre, bei Frauen auf 87,4 Jahre zugenommen. Das heisst mit anderen Worten, dass Pensionskassen heute ihre Rentner viel länger finanzieren müssen.

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Die Umverteilungsmaschine

Das Problem ist, dass der Geldtopf, den die heutigen Rentner in ihrer aktiven Zeit angespart haben, nicht grösser wurde. Die zusätzliche Finanzierung der immer länger lebenden Pensionäre geht also heute zulasten der Aktiven. Dies haben die Pensionskassenspezialisten von Swisscanto, der Fondsanbieter der Zürcher Kantonalbank (ZKB), ausgerechnet. Das Guthaben der Rentner wird mit 2,8 Prozent verzinst, das der Aktiven nur mit 2,03 Prozent. Im vergangenen Jahr kostete diese Umverteilung an die Rentner den berufstätigen Teil der Bevölkerung 2,6 Milliarden Franken. Dieser Effekt ist im Vergleich zur ersten Säule, der AHV, gesetzlich nicht gewollt.

Doch es geht noch weiter: Denn der sogenannte Umwandlungssatz, der zurzeit vorgeschrieben ist, benachteiligt auch die Aktiven. Er liegt im Schnitt bei Männern bei 6,13 Prozent, bei Frauen bei 6,06 Prozent. Weil die Bevölkerung im Schnitt immer älter wird, müsste der Umwandlungssatz laut Berechnungen von Swisscanto bei 5,52 Prozent liegen: Das Geld muss in weniger grosse Auszahlungsportionen bei der Pensionierung geteilt werden. Weil das nicht so ist, kostet das die Pensionskassen eine weitere Milliarde. «Dies kommt zu den 2,6 Milliarden Franken hinzu. Doch im Gegensatz dazu, kann der Umwandlungssatz angepasst werden», sagt Othmar Simeon, Leiter der Swisscanto-Vorsorge. Dieses Geld stammt vom Vermögen der aktiven Bevölkerung. Derzeit wird eine Anpassung unter anderem in diesem Punkt angestrebt.

Die Dramatik wird um einen weiteren Punkt verschärft: Die Pensionskassen haben zunehmend Mühe, ihre insgesamt 850 Milliarden Franken an Spargeldern ohne grosse Risiken einzugehen, anzulegen. Die Rendite für die risikolosen 10-jährigen Bundesobligationen waren im letzten Jahr bei Minus 0,04 Prozent. Im Gegensatz dazu lag die Zielrendite der Pensionskassen bei 3,4 Prozent. Dieser Anlagenotstand verstärkt die Schieflage des ganzen Systems, oder mit den Worten von Iwan Deplazes, Leiter Asset Management der ZKB: «Die Anlagen alleine können das strukturelle Ungleichgewicht im Vorsorgesystem nicht beheben.»

 

Asset allocation bei Pensionskassen

 

Negative Teuerung hilft Rentnern

Kommt ein letzter Punkt hinzu: Im vergangenen Jahr hatten wir eine negative Inflationsrate. Das heisst, real haben die Rentner also mehr in der Tasche gehabt. Auch dies benachteiligt tendenziell die aktive Bevölkerung. Weil man 1985 nicht daran gedacht hat, dass es eine negative Teuerung geben kann, werden die Renten jedoch nicht angepasst.

Die Swisscanto-Umfrage bei 467 Schweizer Pensionskassen ergab zudem, dass von den Negativzinsen, welche die Schweizerische Nationalbank (SNB) eingeführt hat, zwar die Hälfte der Pensionskassen betroffen ist. Die hochgerechnet 100 Millionen Franken, die bei allen Pensionskassen mit diesen Strafzinsen von Minus 0,75 Prozent belastet werden, sind mit 20 Prozent des Cash-Bestandes jedoch nicht so hoch, wie anfänglich befürchtet. Gleichwohl ist laut der Umfrage ein Prozent der Kassen schon heute dazu übergegangen, Bargeld im Safe zu bunkern.

Quelle: Aargauer Zeitung
25.05.2016

25.5.2016

Schweizer Pensionskassen ungenügend auf Klimawandel ausgerichtet

Die Mehrheit der 20 grössten Schweizer Pensionskassen berücksichtigen kaum langfristige Umweltrisiken wie den Klimawandel. Damit handeln sie nicht im Interesse ihrer Versicherten und gehen langfristig womöglich hohe finanzielle Risiken ein. Dies ergab ein erstmals durchgeführtes Rating, das der WWF Schweiz und die spezialisierte britische Organisation ShareAction heute veröffentlicht haben.

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Der WWF hat mit dem spezialisierten Partner ShareAction ein Rating der 20 grössten Schweizer Pensionskassen durchgeführt. Untersucht wurde, ob Pensionskassen die Gelder ihrer Versicherten nachhaltig anlegen und ob sie darüber transparent informieren. Das Rating kommt zum Schluss, dass die Mehrheit der 20 grössten Schweizer Pensionskassen bei ihren Investitionsentscheiden Kriterien der Nachhaltigkeit wie den Klimawandel noch nicht systematisch berücksichtigen.

Alle 16 Pensionskassen, die am Rating teilgenommen haben, beschäftigen sich mit dem Thema verantwortungsvolles Investieren und 13 dieser Kassen haben auch entsprechende Grundsätze. Das Rating verdeutlicht aber auch, dass es noch ein weiter Weg ist, bis die Schweizer Pensionskassen internationale Best Practice für verantwortungsvolles Investieren erfüllen können. So hat beispielsweise nur eine Pensionskasse eine Strategie zu den finanziellen Risiken des Klimawandels entwickelt. Auch die Transparenz bezüglich der tatsächlichen Anlagen sollte erhöht werden, damit die Versicherten wissen, wie ihre Gelder investiert sind, und handeln können, wenn sie damit nicht einverstanden sind. Momentan werden selten Informationen publiziert, welche über die Aufteilung der Vermögenswerte auf einzelne Anlagearten wie Aktien oder Obligationen hinausgehen.

Gut für Versicherte und die Umwelt
«Pensionskassen sollten Umweltrisiken bei ihren Anlageentscheiden zwingend berücksichtigen», erklärt dazu Britta Rendlen, Leiterin der Abteilung Sustainable Finance des WWF Schweiz. Denn Umweltrisiken wie beispielsweise der Klimawandel sind oft auch gewichtige finanzielle Risiken für Vorsorgegelder. «Gelder verantwortungsvoll zu investieren ist nicht nur wichtig für eine intakte Natur, sondern auch im Interesse der Versicherten», unterstreicht Britta Rendlen.

Nachhaltiges Investieren in Strategie integrieren
WWF und ShareAction empfehlen den Pensionskassen, die Faktoren für verantwortungsvolles Investieren bei den Anlageentscheidungen systematisch zu berücksichtigen und diese auch transparent zu machen. Nebst den Auswirkungen auf den Klimawandel gehören dazu Faktoren wie Umgang mit Ressourcen, Arbeitsbedingungen und Lohnsysteme. Daneben empfiehlt der WWF, dass Pensionskassen ihre Stimmrechte bei Unternehmen aktiv ausüben sowie den Dialog zu den Unternehmen suchen, in die sie investieren. Stimmrechte sollten dabei nicht nur für inländische, sondern auch für ausländische Aktienbestände ausgeübt werden. Diese Änderungen setzen einen Kulturwandel innerhalb der Schweizer Pensionskassen voraus. Einige Pensionskassen in Schweden, Niederlande oder Grossbritannien sind den schweizerischen Pensionskassen in dieser Hinsicht voraus und können als positive Beispiele dienen.

Pensionskassen sind wichtig
Die Pensionskassen in der Schweiz halten 767 Milliarden Franken. Die 20 grössten machen davon rund einen Drittel (281 Milliarden Franken) aus und wurden im Rahmen des Ratings befragt. Pensionskassen gehören zu den grössten und einflussreichsten Anlegergruppen in der Schweiz. Als langfristige Anteilsinhaber haben sie die Möglichkeit, die Entscheide der Unternehmen, in die sie investieren, direkt zu beeinflussen. Damit gehören die Pensionskassen zu den Schlüsselplayern wenn es darum geht, die Wirtschaft nachhaltiger auszurichten.

Studie zu Anlagestrategie und Transparenz
Verantwortungsvolles Investieren ist ein Anlageansatz, der die Faktoren Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (sogenannte ESG-Faktoren) berücksichtigt. WWF und ShareAction haben zudem die Transparenz der Informationen zum verantwortungsvollen Investieren bewertet. Die Studie wurde mittels Desk Research und einer Befragung der 20 grössten Pensionskassen ausgeführt. Pensionskassen, die nicht an der Befragung teilnehmen wollten, wurden aufgrund öffentlich verfügbarer Informationen bewertet.

Bericht WWF

Bewertung WWF

Quelle: WWF
25.05.2016