Gesellschaft und Soziales

12.4.2018

Schweizerischer Baumeisterverband: Frühzeitiger Altersrücktritt ab 60 auf dem Bau gefährdet – Baumeister verabschieden Resolution für eine zukunftsfähige Sanierung des GAV FAR

Weil die demografische Entwicklung unterschätzt wurde, ist die Finanzierung der Frührenten ab 60 auf dem Bau in Frage gestellt. Die Präsidentenkonferenz des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) hat deshalb am Mittwoch in Bern die «Resolution zukunftsfähige Sanierung des GAV FAR» verabschiedet. Die Baumeister bekennen sich zum frühzeitigen Altersrücktritt FAR im Bauhauptgewerbe mit 60 und sind bereit, im heutigen Umfang auch künftig für die Finanzierung eine grosse Last zu tragen. Gleichzeitig verurteilen sie die gefährliche Blockadehaltung der Gewerkschaften, die eine nachhaltige Sanierung in der Stiftung FAR verhindert.
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Die Sektionspräsidenten des Schweizerischen Baumeisterverbands bekennen sich zum flexiblen frühzeitigen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe. Heute können sich Bauarbeiter ab 60 pensionieren lassen. Finanziert werden diese Übergangsrenten bis zur ordentlichen Pensionierung über die Stiftung FAR, wobei die finanzielle Hauptlast seitens der Arbeitgeber getragen wird.

Echte Sanierung anstatt nicht finanzierbare Pflästerlipolitik

Bereits 2016 geriet die Frühpensionierung im Bau finanziell in Schieflage. Damals wurden die Beiträge auf insgesamt 7 Lohnprozente erhöht. 5,5 Prozente tragen die Arbeitgeber, 1,5 Prozente die Arbeitnehmer. Diese erste Sanierungsmassnahme zeigte nicht die erwünschten Wirkungen. Kaum zwei Jahre später weist die Stiftung mit lediglich 92 Prozent immer noch eine Unterdeckung aus. Um die Frühpensionierung im Bau retten zu können, braucht es jetzt echte leistungsseitige Sanierungsmassnahmen. Konkrete Vorschläge, bei denen das Rentenalter 60 beibehalten werden kann, liegen dem Stiftungsrat FAR vor, der die Sanierungsmassnahmen beschliessen muss.

Gewerkschaften blockieren Sanierung und gefährden FAR

Die FAR-Übergangsrenten liegen heute bis 20 Prozent über den staatlichen Renten von AHV und BVG, wie sie ab Alter 65 ausbezahlt werden. Die AHV und die berufliche Vorsorge stehen vor grossen Herausforderungen. Der demografische Wandel wirkt bei den Frührenten auf dem Bau bereits fünf Jahre früher als bei den staatlichen Vorsorgewerken. Es muss dringend leistungsseitig gehandelt werden. Weitere Beitragserhöhungen lösen das Problem nicht und werden von den Sektionspräsidenten klar abgelehnt.

Absolut kein Verständnis haben die Sektionspräsidenten des Schweizerischen Baumeisterverbands für die Blockadehaltung der Gewerkschaften, die seit Monaten die dringend notwendigen Sanierungsmassnahmen in der Stiftung FAR verhindern. Sie spielen auf dem Buckel der Bauarbeiter ein unehrliches Spiel und missbrauchen die finanzielle Schieflage bei der Frühpensionierung, um Stimmung zu machen und sich für die 2018 anstehenden LMV-Verhandlungen zu positionieren. Der Schweizerische Baumeisterverband verurteilt dieses unlautere Taktieren und fordert die Gewerkschaften auf, den frühzeitigen flexiblen Altersrücktritt im Bau nicht länger zu gefährden.

Die «Resolution zukunftsfähige Sanierung des GAV FAR» im Wortlaut: http://ots.ch/ZTwUQQ (PDF)

Kontakt:

Gian-Luca Lardi, Zentralpräsident SBV
Tel.: +41/79/226’19’64
E-Mail: gllardi@baumeister.ch

Benedikt Koch, Direktor SBV
Tel.: +41/79/622’09’40
E-Mail: bkoch@baumeister.ch

 

4.4.2018

Millionengewinn für Novartis wegen Pensionskassen-Revision

Eine Gesetzesänderung im BVG hat der Novartis einen Millionengewinn beschert. Das bestätigt der Basler Pharmakonzern gegenüber der Handelszeitung. Demnach konnte das Unternehmen Ende 2017 Vorsorgeverpflichtungen im Umfang von 216 Millionen Franken auflösen, weil es für Gelder in seinen Kader-Pensionskassen nicht mehr haften muss. Dabei handelt es sich um sogenannte 1e- Plan-Kaderkassen, bei denen die Versicherten selber bestimmen können, wie das Kapital angelegt wird.
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Die im November 2017 in Kraft getretene Gesetzesänderung sorgt für Goldgräberstimmung im Vorsorgegeschäft. Nicht nur Pensionskassen, Sammelstiftungen und Versicherungskonzerne bringen sich in Stellung für das Geschäft mit 1e-Geldern. Auch Banken wie UBS und Credit Suisse drängen mit eigenen Vorsorgestiftungen neu ins Pensionskassengeschäft.

100 bis 200 Milliarden Franken schwerer Markt für Kaderkassen

Das Marktpotenzial ist gross. Von den 1000 Milliarden Franken, die in der beruflichen Vorsorge verwaltet werden, qualifizierten wohl 100 bis 200 Milliarden für 1e-Pläne, schätzt Hans-Jakob Stahel, Leiter Unternehmenskunden beim Lebensversicherer Swiss Life.

Über 1e-Pläne können sie lukrative Kundschaft akquirieren, da diese Kaderkassen lediglich Personen offenstehen, die mehr als 126’900 Franken pro Jahr verdienen. Weil sie als überobligatorisch gelten, sind 1e-Kassen weniger streng reglementiert als normale Pensionskassen.

Flucht aus der Umverteilung

Das neue Geschäft hat auch volkswirtschaftliche Auswirkungen. Es entzieht Pensionskassen und BVG-Vollversicherungen überobligatorisches Kapital. Über das Umlagern von Vorsorgegeldern von normalen Pensionskassen in 1e-Kaderkassen könnten sich Gutverdienende der Umverteilung im BVG entziehen, sagt Stahel. «Das ist eines der Verkaufsargumente für 1e.»

Wegen der Auftrennung können Beiträge in die Kaderkassen nicht für die Quersubventionierung von Pensionskassen-Renten verwendet werden. Je länger ein zu hoher Mindestumwandlungssatz gelte, desto mehr werde Wachstum ausserhalb des BVG-Obligatoriums gefördert, konstatiert Stahel. Es bringe nichts, das zu kritisieren, solange man die Gesetze nicht ändere.

Quelle: Handelszeitung
04.04.2018

4.4.2018

Die Pensionskasse BVK erhält Gebühren in Millionenhöhe zurück

Jefferies und der Trick mit den Retrozessionen: Die US-Investmentbank muss der BVK Gebühren zurückzahlen.

Die amerikanische Investmentbank ­Jefferies muss der kantonalen Zürcher Beamtenpensionskasse BVK 20 Millionen Franken Gebühren zurückzahlen. Dabei geht es um verdeckte Kick-back-Zahlungen, sogenannte Retrozessionen. Damit endet ein langjähriger Rechtsstreit, der Ende letzten Jahres zugunsten der BVK entschieden wurde. Das Zürcher Handelsgericht hatte das Urteil bereits am 23. März gefällt, allerdings ohne Namensnennung der US-Investmentbank.

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Die BVK geriet vor bald acht Jahren in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass sich Daniel Gloor, der langjährige Chef der BVK-Vermögensverwaltung, bestechen liess. Das System mit den Retrozessionen bei Jefferies flog auf, weil nach Bekanntwerden der BVK-Korrup­tionsaffäre im Jahr 2010 alle Verträge der Pensionskasse mit Vermögensverwaltern überprüft wurden. Damals fiel auf, dass die BVK viel höhere Vermögensverwaltungskosten hatte als vergleichbare Kassen. Was im Falle Jefferies genau lief, geht aus dem Urteil des Handelsgerichts hervor, das dieser Zeitung vorliegt.

Am 4. Februar 2002 unterschrieben die BVK und Jefferies (Schweiz) einen Vertrag, mit dem die Bank beauftragt wurde, für die BVK ausländische Wandelanleihen im Wert von etwas über 600 Millionen Franken zu verwalten. Vereinbart wurden damals auch die Gebühren. Sie schienen auf den ersten Blick bescheiden. 30 Basispunkte für Anlagen bis 75 Millionen Franken. Wenn es um über 400 Millionen ging, nur noch 5 Basispunkte, so lauteten die Bedingungen. 100 Basispunkte entsprechen jeweils einem Prozent.

Jefferies reklamierte Gebühren

Allerdings hatte der Vertrag einen kleinen Zusatz. Wenn Jefferies mit dem Geld der BVK Finanzprodukte oder einen Fonds kaufte, was wiederum Gebühren verursacht, dann ging das auf Kosten der BVK. Jefferies (Schweiz) konnte nicht direkt an den Börsen in London und New York internationale Wandelanleihen kaufen, das taten die jeweiligen Tochtergesellschaften der Jefferies-Bank vor Ort. Diese stellten ihre Dienste ihren Schweizer Kollegen in Rechnung.

So weit, so gut. Dass bei solchen Geschäften Gebühren anfallen, ist normal. In einem zweiten Schritt floss aber ein Teil der in London und New York in Rechnung gestellten Dienstleistungen in Form von sogenannten Retrozessionen oder Kick-backs wieder an die Jefferies Schweiz zurück. Das ist zwar durchaus üblich und kann mit einer Art Mengenrabatt verglichen werden, nur stellt sich die Frage, wem diese Kick-backs gehören: der Bank oder dem Kunden?
Nun fliessen Gebühren in Höhe von 12,5 Millionen Franken an die BVK zurück. Hinzu kommen Verzugszinsen in Höhe von 7,5 Millionen Franken.
Vor sechs Jahren hat das Bundesgericht diese Frage in einem aufsehenerregenden Urteil beantwortet: Banken müssen die Provisionen, die sie beim Verkauf von Finanzprodukten von Drittanbietern erhalten, an ihre Kunden weitergeben. Diese Forderungen verjähren nach zehn Jahren. Gemäss dem inzwischen rechtskräftigen Urteil des Handelsgerichts gilt das auch für innerhalb des Jefferies-Konzerns ausgerichtete Transferzahlungen von London und New York an Jefferies Schweiz.

Was so klar scheint, war im vorliegenden Fall heftig umstritten. «Auf die Forderung der BVK auf sofortige Herausgabe von zu Unrecht vereinnahmten Retrozessionen eines beauftragten Vermögensverwalters wurde nicht eingegangen», schreibt die BVK in einer Stellungnahme. Erst weigerte sich Jefferies sogar, den Umfang der Kick-backs bekannt zu machen, obwohl sie dazu vertraglich explizit verpflichtet war, wie das Gericht feststellte. Daraufhin stellte die BVK unter neuer Führung 2011 ganz einfach die Zahlung von Gebühren ein. Erst dann gab Jefferies eine Liste mit Zahlungen in Höhe von total 9,6 Millionen Franken heraus. Doch diese war offensichtlich unvollständig. 2014 schob Jefferies Informationen über weitere Zahlungen von rund 2,5 Millionen Franken nach.

Das Urteil ist rechtskräftig

Dabei flog noch etwas anderes auf. Am 1. Oktober 2003 wurde der Auftrag zur Absicherung der Fremdwährungsrisiken an die Lehmann Partner Vermögensverwaltung (LPV) vergeben, dabei wurden sogenannte Vermittlungsprovisionen vereinbart. Der Gründer der LPV wurde am 26. November 2012 wegen Bestechung verurteilt. Er hatte Gloor mit 7 Prozent an den Einnahmen seiner Firma beteiligt. Eine abenteuerliche Geschichte. Der LPV-Gründer steckte Gloor das Geld jeweils in bar, versteckt in Couverts, auf dem Parkplatz vor dem Restaurant Aurelio in Zürich zu. Insgesamt kamen so 863 000 Franken zusammen. Dabei ging es nicht nur um die Fremdwährungsanleihen, sondern um alle Devisenabsicherungen, die LPV für die BVK tätigte.

Was das Verhältnis zu Jefferies betrifft, so floss auch ein Teil der Gebühren, die LPV für seine Dienste einkassierte, an Jefferies zurück. Auch diese muss Jefferies an die BVK auszahlen. Dabei geht es um den eher geringen Betrag von rund 300 000 Franken.

Insgesamt fliessen nun Gebühren in Höhe von 12,5 Millionen Franken an die BVK zurück. Hinzu kommen Verzugszinsen in Höhe von 7,5 Millionen Franken. «Das Urteil ist rechtskräftig, das heisst endgültig», sagt BVK-Chef Thomas Schönbächler auf Anfrage. Jefferies-Sprecherin Sara Boyes wollte keine Stellung nehmen.

Quelle: Tages Anzeiger
04.04.2018

22.12.2017

Was bedeutet der Rentenreformplan des Bundesrates für die Pensionskassen?

Der Bundesrat will die Reformen der AHV und der zweiten Säule trennen. Die zweite Säule hat nur noch zweite Priorität. Doch die Pensionskassen können sich selber helfen.

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Nun ist es amtlich. Der Bundesrat will die Rentenreform aufspalten. Wie Sozialminister Alain Berset am Mittwoch verkündete, soll die AHV gegenüber der Reform der zweiten Säule Priorität haben (NZZ 21. 12. 17). Die Reform der ersten Säule ist dringlicher, weil sich die AHV ohne Gesetzesänderung im Unterschied zu den Pensionskassen nicht selber helfen kann und bald mit jährlichen Milliardenverlusten rechnen müsste.

Doch ganz ohne Verbindung der beiden Säulen dürfte es nicht gehen, wie befragte Fachleute betonen. Die vom Bundesrat vorgesehene Flexibilisierung des Rentenalters in der AHV zwischen 62 und 70 Jahren bedinge eine Koordination mit der beruflichen Vorsorge. Auch die geplante Erhöhung des AHV-Referenzrentenalters für Frauen von 64 auf 65 Jahre sollte sinnvollerweise ebenfalls für die zweite Säule gelten.

Verzögerung «nicht tragisch»

Der Kern der separaten Vorlage zur beruflichen Vorsorge betrifft den Umwandlungssatz. Über dieses Dossier sollen sich nun zunächst die Sozialpartner beugen, um die Grundlagen für eine mehrheitsfähige Lösung zu schaffen. Für das obligatorische Alterskapital gilt immer noch ein Mindestumwandlungssatz von 6,8%. Pro 100 000 Fr. Alterskapital fliesst damit eine Jahresrente von 6800 Fr. In der vom Volk abgelehnten Vorlage war eine Senkung auf 6,0% vorgesehen.

Hinter dem Umwandlungssatz stecken Annahmen über die Lebenserwartung und die nominalen Anlagerenditen. Die Lebenserwartung ist in der Schweiz laufend am Steigen, die Renditeerwartungen aber sind deutlich gesunken. Viele Pensionskassenexperten betrachten heute einen Umwandlungssatz um 5% als rechnerisch einigermassen korrekt. Ist dieser Satz zu hoch angesetzt, werden Rentner faktisch durch Jüngere subventioniert.

Was wären die Folgen für die Pensionskassen, wenn es noch jahrelang beim Minimum von 6,8% bliebe? «Das wäre nicht tragisch», sagt Peter Zanella von der Beratungsfirma Willis Towers Watson: «Die meisten Pensionskassen können dies durch die Senkung des Umwandlungssatzes auf dem überobligatorischen Kapital kompensieren.» Beim überobligatorischen Kapital gibt es kein gesetzliches Minimum für den Umwandlungssatz.

Gemäss Daten der Oberaufsichtsbehörde sind rund 85% der Versicherten in Pensionskassen versichert, die genügend überobligatorisches Kapital hätten, um den Umwandlungssatz für den Durchschnitt des Gesamtkapitals auf etwa 5% zu senken. Laut einer Branchenumfrage von Swisscanto lag heuer der Durchschnitt des Umwandlungssatzes für Neurentner noch bei etwa 6%. Viele Senkungen sind aber schon aufgegleist, so dass das Mittel in fünf Jahren nahe bei 5,5% liegen könnte. Vorsorgeeinrichtungen ohne überobligatorisches Kapital müssten früher oder später die Lohnbeiträge erhöhen. Laut Zanella würde dies für die Betroffenen «Transparenz schaffen über die Kosten des hohen Mindestumwandlungssatzes». Vielleicht führe dies «in einigen Jahren zu einem Umdenken».

Ausbau statt Abbau

Gemessen an der Rhetorik auf der Politbühne, heisst Senkung des Umwandlungssatzes automatisch «Leistungsabbau». Bei der Einführung des Gesetzes für die berufliche Vorsorge (BVG) 1985 lag der gesetzliche Mindestumwandlungssatz bei 7,2%. Eine Senkung von 7,2 auf 5% reduziert bei unverändertem Kapital die nominale Jahresrente um rund 30%. Doch von einem Leistungsabbau in diesem Ausmass kann keine Rede sein. Beim Start des BVG 1985 steckte hinter dem damaligen Umwandlungssatz faktisch eine Renditegarantie (im Jargon: technischer Zinssatz) für die Neurentner von nominal 4%. Und hinter einem Umwandlungssatz um 5% steht heute faktisch eine Renditegarantie von nominal gut 2%. Rund drei Viertel der Differenz zwischen den erwarteten Nominalrenditen von 1985 und jenen von heute werden aber durch die Reduktion der Teuerung kompensiert, und somit wird die Kaufkraft der Jahresrenten kaum geschmälert. Die durchschnittliche Inflation von 1985 bis 2005 (als die erste BVG-Revision in Kraft trat) betrug 1,8% pro Jahr, seither belief sich die Inflationsrate im Mittel nur auf 0,2%. Politiker und Lobbyisten räumen dies in Gesprächen zwar ein, entgegnen aber, dass man dies dem Publikum nicht erklären könne.

Hinzu kommt, dass die Lebenserwartung für 65-Jährige seit 1985 um einen Viertel gestiegen ist – von 17 auf über 21 Jahre (Durchschnitt von Frauen und Männern). Entsprechend fallen mehr Jahresrenten an, was einen Ausbau der gesamten Rentenleistung bedeutet.

Trotzdem herrscht in der Politik in einem Punkt fast Einigkeit: Die nominalen Jahresrenten sollen insgesamt nicht sinken. Das ist auch die Prämisse vor dem Start der Verhandlungen der Sozialpartner. Auch der Arbeitgeberverband teilt diese Ansicht, wie dessen Direktor Roland Müller bestätigt.

Die nun vom Bundesrat gewünschten Verhandlungen der Sozialpartner waren ein Anliegen der Arbeitgeber. Die ersten Gespräche sollen Anfang des nächsten Jahres starten. «Unser Ziel wäre, dass sich die Sozialpartner bis Ende des nächsten Jahres auf eine Grobvorlage einigen», sagt Arbeitgeberverbands-Direktor Müller. Er hofft, dass die Reform der zweiten Säule am Ende «mit nicht mehr als einjähriger Verspätung auf die Vorlage zur ersten Säule in Kraft treten kann».

Ob es zu einer Einigung kommt, ist völlig offen. Die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern waren jüngst nicht die besten, und die Differenzen in der Rentenfrage sind erheblich. Sollte es per saldo wie bei der abgelehnten Vorlage eine weitgehende oder gar volle «Kompensation» der Senkung des Mindestumwandlungssatzes geben, könnte man auf die Senkung wohl auch gleich verzichten. Die Umverteilung von Jung zu Alt könnten die Pensionskassen weitgehend selber eliminieren, es bliebe die Umverteilung von den Gross- zu den Kleinverdienern.

Verteuerung der Arbeit

Will man die besagten Kompensationen, heisst dies wohl höhere Lohnbeiträge und für eine Übergangsgeneration auch eine Zusatzfinanzierung; die abgelehnte Vorlage hatte dafür eine Subventionierung über den Sicherheitsfonds vorgesehen, der von allen Pensionskassen gefüttert wird. Dies würde eine Umverteilung zwischen den Pensionskassen in Gang setzen. Eine Erhöhung der Lohnbeiträge brächte derweil eine Verteuerung der Arbeit. Die Arbeitgeber würden jedoch sicherlich versuchen, mindestens einen Teil der Zusatzkosten zu überwälzen – auf die Angestellten (tieferer Lohnanstieg), die Konsumenten (Preiserhöhungen) und die Arbeitslosen (Stellenabbau).

Das heuer im Parlament diskutierte Kompensationsmodell des Nationalrats könnte mit der Verteuerung der Arbeitskosten einige tausend Stellen kosten. Der Arbeitgeberverband bezeichnet dieses Modell heute als «zu teuer», doch Varianten davon könnten nun wieder aufs Tapet kommen.

Quelle: NZZ
22.12.2017

10.12.2017

Rentenabbau macht Kapitalbezug attraktiver

Die Pensionskassen senken die Renten. Dagegen hilft ein Kapitalbezug – nun aber droht eine Beschränkung.

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Eine Kürzung der Rente um bis zu 10% ist verkraftbar. Dies hat das Bundesparlament diese Woche entschieden. Den Stein ins Rollen brachte die Pensionskasse des Bundes Publica. Denn die mit 64 000 Versicherten grösste PK des Landes senkt den Umwandlungssatz (UWS) per Anfang 2019 von 5,65% auf 5,09%. Pro 100 000 Fr. Alterskapital reduziert sich die jährliche Rente somit von 5650 auf 5090 Fr.

Diese Kürzung wollte der Bundesrat durch einen einmaligen Sonderbeitrag von 160 Mio. Fr. sowie eine jährliche Unterstützung von 40 Mio. Fr. abfedern, was die eidgenössischen Räte jedoch abgelehnt haben.

Umwandlungssätze ausgewählter Pensionskassen

Zwar ist der Spardruck bei der Publica grösser als bei anderen Pensionskassen, weil sie nur über knappe Reserven verfügt. Dennoch hat die Massnahme Signalcharakter: Viele andere PK haben den UWS ebenfalls schon unter 5,5% gesenkt. Den gesetzlich vorgeschriebenen Satz von 6,8% verwenden nur noch wenige Vorsorgeeinrichtungen. Dieser gilt einzig für die gesetzlichen Minimalleistungen bis zu einem Lohn von 84 600 Fr. Weil aber die meisten Pensionskassen bei den Sparbeiträgen über dieses Obligatorium hinausgehen, haben sie bei der Festsetzung des UWS freie Hand.

Die zweite Säule werde aufgrund des ständigen Abbaus kritischer beurteilt als früher, beobachtet Florian Schubiger, Mitgründer der Beratungsfirma Vermögenspartner: «Die Versicherten prüfen vermehrt Möglichkeiten, um den Rentenkürzungen zu entgehen.» Der beste Zeitpunkt dazu ist vor der Pensionierung: Dann muss sich jeder entscheiden, ob er sein Altersguthaben als Kapitalauszahlung oder als Rente beziehen will. Bei dieser Weichenstellung geht es um Hunderttausende Franken – umso reiflicher sollte man sich die Wahl überlegen.

Entscheidend ist das Alter

Das wichtigste Kriterium ist der Gesundheitszustand: Wer davon ausgeht, dass er sehr alt wird, fährt mit der Rentenlösung besser. Bei einer unterdurchschnittlichen Lebenserwartung dagegen empfiehlt sich der Kapitalbezug.

Die unten stehende Grafik verdeutlicht den Zusammenhang. Die Modellrechnung basiert auf einem Altersguthaben von 500 000 Fr. Mit einem UWS von 6,8% erreicht die jährliche Rente 34 000 Fr. Wer nach der Pensionierung noch 30 Jahre lebt, kommt auf Einnahmen vor Steuern von 1 020 000 Fr. Gegenüber dem Kapitalbezug ergibt dies einen Vorteil von mehr als 300 000 Fr., wenn die Rendite auf dem Kapital 1,5% beträgt.

Falls jemand aber schon mit 70 stirbt, profitiert er nur fünf Jahre von der PK-Rente. Mit dem Kapitalbezug hätte für ihn respektive seine Nachkommen 320 000 Fr. mehr herausgeschaut. Wie die Grafik zeigt, führen die beiden Varianten bei einer Lebenserwartung von 83 Jahren zu einer ausgeglichenen Bilanz.

Beträgt der Umwandlungssatz dagegen nur noch 5%, verliert die Rentenlösung an Attraktivität. In der Modellrechnung verschiebt sich das Alter, ab welchem der Kapitalbezug nicht mehr zum besseren Ergebnis führt, auf das 90. Lebensjahr. Und wer mit 95 stirbt, erzielt mit der Rente einen deutlich kleineren Vorteil von lediglich 100 000 Fr.

In der Praxis wird die Abwägung durch weitere Faktoren beeinflusst: Bei einem geringen Alterskapital ist die Sicherheit besonders wichtig, was tendenziell für die Rente spricht. Abzuklären ist ebenso, ob man sich zutraut, das bezogene Guthaben selber anzulegen. Neben der erwarteten Rendite ist zudem die Inflationsprognose wichtig: Im Falle einer starken Teuerung bietet der Kapitalbezug den besseren Schutz.

Auch ein hoher Steuersatz spricht tendenziell für den Kapitalbezug. Umgekehrt wählen Verheiratete eher die Rente, weil die Pensionskassen eine Hinterbliebenenrente auszahlen, welche in der Regel 60% beträgt. Ins Gewicht fällt dies vor allem, wenn die Partnerin oder der Partner deutlich jünger ist. Vielfach empfiehlt sich auch eine Mischlösung, also ein teilweiser Kapitalbezug. Im Mittel beträgt das ausbezahlte Guthaben 170 000 Fr.

Bund will eine Beschränkung

Nun allerdings wollen der Bundesrat wie auch der Ständerat den Kapitalbezug begrenzen. Demnach bleibt dieser nur noch beim überobligatorischen Altersguthaben zulässig. Die Neuerung soll verhindern, dass Pensionäre ihr Geld verjubeln und danach auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind.

Der Nationalrat entscheidet voraussichtlich im nächsten Frühling, ob die Einschränkung rechtsgültig wird. Laut Florian Schubiger bedeutet der Vorschlag eine problematische Zäsur für die zweite Säule: «Bisher galt der Grundsatz, dass die Guthaben in der beruflichen Vorsorge den einzelnen Versicherten gehören. Wenn die Wahlfreiheit aber wegfällt, wird dieses Prinzip infrage gestellt.»

Die Leistungen der zweiten Säule sind deutlich geringer als noch vor wenigen Jahren. Neben der tieferen Verzinsung führen die sinkenden Umwandlungssätze zu einer spürbaren Reduktion der Renten. Die vorgesehene Begrenzung des Kapitalbezugs schmälert die Attraktivität zusätzlich.

Immerhin hielt das Parlament für die Versicherten der Publica ein Trostpflaster bereit. Den Sonderbeitrag lehnte es zwar ab, dafür genehmigte es eine Lohnerhöhung von 0,6% – nachdem es in den beiden Vorjahren jeweils eine Nullrunde gab.

Quelle: NZZ
09.12.2017

12.4.2017

Schweizerischer Arbeitgeberverband: Nein zur Altersvorsorge 2020

Der Schweizerische Arbeitgeberverband hat die Nein-Parole zur Volksabstimmung über die Reform Altersvorsorge 2020 vom 24. September 2017 beschlossen. Die Arbeitgeber erteilen mit ihrem Votum einem unsolidarischen und unterfinanzierten AHV-Ausbau eine Absage. …mehr

Die Mitglieder des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) haben sich an ihrer Vorstandssitzung gegen die Altersvorsorgereform 2020 ausgesprochen, über die das Stimmvolk am 24. September 2017 befindet. Die Arbeitgeber lehnen eine Vorlage ab, die das Parlament – entgegen den Reformzielen und trotz der Ablehnung von «AHVplus» – zu einer überladenen Ausbauvorlage umfunktioniert hat, statt die Altersvorsorge nachhaltig auf eine stabile finanzielle Basis zu stellen. Die strukturellen Probleme, darunter die chronisch defizitäre AHV-Kasse und die Pensionierungswellen der geburtenstarken Jahrgänge, werden nicht nur ausgeblendet, sondern sogar verschärft. So übersteigen die Kosten des AHV-Ausbaus bereits 2030 die Mittel, die durch die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre frei werden.

Eine weitere Schwäche der Reform liegt im unsolidarischen Giesskannenprinzip des AHV-Ausbaus. Monatlich werden 70 Franken an alle Neurentner und sogar bis zu 226 Franken an alle Neurentnerehepaare verteilt – unabhängig von ihrer finanziellen Situation und ungeachtet dessen, ob sie von der Senkung des Mindestumwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge betroffen sind. Der Ausbau, für den viele bezahlen und von dem nur wenige profitieren, führt zu einer AHV zweier Klassen. Zu den grossen Profiteuren zählt die Übergangsgeneration zwischen 45 und 65 Jahren. Sie wird dank Zahlungen aus dem Sicherheitsfonds von der Senkung des Mindestumwandlungssatzes in der zweiten Säule verschont und kommt dennoch in den Genuss des AHV-Zustupfs von jährlich 840 Franken.

Die Reform gefährdet überdies den Zusammenhalt zwischen den Generationen. Auf der Verliererseite stehen bisherige Rentner, welche die berufliche Vorsorge aufgebaut haben, aber selber keine Chance mehr haben, ihre Pensionskassenrenten aufzubessern. Vielmehr müssen sie eine im Portemonnaie spürbare Erhöhung der Mehrwertsteuer verkraften, die den AHV-Ausbau mitfinanziert. Schlechter gestellt werden – wie dies bereits bei der deutlich verworfenen AHVplus-Initiative der Fall gewesen wäre – ausgerechnet jene bedürftigen Rentner, denen im Gegenzug zum AHV-Zustupf die steuerbefreiten Ergänzungsleistungen (EL) gekürzt werden. Die grössten Lasten werden aber den Jungen und nachkommenden Generationen aufgebürdet. Sie bezahlen die Zeche für den AHV-Ausbau, da sie ab 2030 zusätzlich zur weiter wachsenden Anzahl Rentner für die ungedeckten Checks der Reform geradestehen müssen.

Eine Annahme der unterfinanzierten Ausbauvorlage würde bereits mittelfristig trotz der Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,6 Prozent sowie der Lohnbeiträge um total 0,7 Prozent wieder grosse Löcher in die AHV-Kasse reissen und den Druck zu weiteren Reformen mit zwangsläufig einschneidenderen Sanierungen erhöhen. Bereits 2025 müsste die nächste Reform umgesetzt werden. Der unsolidarische AHV-Ausbau für arm und reich erhöht daher letztlich nur den Druck, das Rentenalter rascher anheben zu müssen. Die Arbeitgeber stehen weiterhin zu einer Reform der Altersvorsorge mit sicheren Renten auf heutigem Niveau, erteilen einem unsolidarischen AHV-Ausbau aber eine klare Absage. Lehnt das Schweizer Volk am 24. September 2017 zum zweiten Mal innert Jahresfrist einen für unser wichtigstes Sozialwerk gefährlichen Giesskannenausbau ab, wird der Weg endlich frei für eine echte Reform der Altersvorsorge für sichere Renten in beiden Säulen. Teure Experimente hat unsere AHV nicht verdient.

Denn ein Scheitern der Vorlage an der Urne bedeutet nicht das Ende des Reformprozesses. Die zentralen Elemente sind bekannt und liegen auf dem Tisch. Statt einer überladenen Reform braucht es danach zügig separate und verdaubare Portionen, wie sie die Wirtschaft seit Beginn des Reformprozesses stets gefordert hat. Dabei sind die heute selbst von linken Kreisen geforderten Massnahmen anzugehen: als erstes die Angleichung des Rentenalters für Männer und Frauen auf 65. Zweitens braucht es eine Senkung des Mindestumwandlungssatzes mit angemessener Kompensation innerhalb der beruflichen Vorsorge, wozu der Nationalrat einen grundsätzlich gangbaren Weg vorgezeichnet hat. Drittens müssen die politischen und sozialpartnerschaftlichen Akteure in einem sorgfältig zu erarbeitenden breiten Konsens aufzeigen, wie mittelfristig das immer schlechter werdende Umlageverhältnis in der AHV durch eine schrittweise und sozialverträgliche Erhöhung des Rentenalters langfristig sichergestellt werden kann.

Kontakt:

Roland A. Müller, Direktor, Tel. 079 220 52 29,
mueller@arbeitgeber.ch

Martin Kaiser, Ressortleiter Sozialpolitik, Tel. 079 517 68 26,
kaiser@arbeitgeber.ch

Quelle: Presseportal.ch
12.04.2017

29.3.2017

Mehr Zwang beim Zwangssparen

Die Politik erhöht den Druck beim obligatorischen Sparen in der 2. Säule gleich zweifach. Erstens ­sollen wir mehr einzahlen. Zweitens sollen wir das Geld nicht mehr als Kapital, sondern nur noch als Rente beziehen. …mehr

Eine Reform jagt die andere. Soeben hat das Parlament die grosse Reform der Altersvorsorge gezimmert, die am 24. September an die Urne kommt. Noch vorher, im Juni, beginnt im Ständerat die Debatte über die Reform der ­Ergänzungsleistungen (EL).

Am Dienstag hat die Sozialkommission dazu erste Vorentscheide gefällt. Die zwei Projekte überlagern sich in einem politisch sensiblen Punkt: Beide ­sehen beim ­obligatorischen Teil der 2. Säule (Pensionskassen) wichtige Veränderungen vor, die sich gegenseitig verstärken.

Der Verdacht

Zuerst einmal wird mit der Renten­reform das staatlich erzwungene Alterssparen markant ausgebaut. Hier geht es um das Doppelproblem der tiefen Renditen und der gestiegenen Lebenserwartung. Als Reaktion darauf will das ­Parlament mit der Reform den Mindestumwandlungssatz der Pensionskassen senken, womit es künftig pro angespartem Franken weniger Rente gibt. Das ­effektive Rentenniveau soll aber nicht sinken.

Deshalb müssen Arbeitnehmer zusammen mit ihren Arbeit­gebern in Zukunft während des gesamten Berufslebens mehr Geld in die Pensionskasse ein­zahlen. So erhöht sich zum Beispiel das Zwangssparen bis zur Pensionierung für einen Angestellten mit einem Lohnniveau von 4500 Franken im Monat um insgesamt 30’000 Franken.

Unmittelbar betroffen sind zwar nur etwa 15 Prozent ­aller Angestellten, da die Mehrheit in Pensions­kassen versichert ist, deren Leistungen über das obligatorische Alterssparen hinausgehen.

Doch zusammen mit der EL-Reform sind plötzlich alle Angestellten betroffen. Hier setzt der Bundesrat den Hebel ebenfalls bei der 2. Säule an. Er will die Möglichkeiten einschränken, das angesparte Geld bei der Pensionierung als Kapital zu beziehen, statt es in monatliche Renten ­umwandeln zu lassen.

Konkret will der Bundesrat verbieten, im Rahmen der obligatorischen ­Vorsorge angesparte Gelder als ­Kapital zu beziehen. Stattdessen müsste man sich diesen Teil des Kapitals neu zwingend in eine Rente umwandeln lassen. Dieser Vorschlag war zwar bisher umstritten, die Sozialkommission des Ständerats hiess ihn gestern aber einstimmig gut, wie aus ihrer Mitteilung hervorgeht.

Die Einschränkungen beim Kapitalbezug sollen dazu bei­tragen, dass künftig weniger Rentner auf EL angewiesen sind. Dahinter steht der Verdacht, dass die Rentner das bezogene Kapital weniger gut verwalten und an­legen werden als ihre Pensionskasse. Oder dass sie es im schlimmsten Fall verprassen, im Wissen, dass sie danach EL beantragen können.

«Schnell ausgegeben»

Der Bundesrat formuliert es in der Botschaft freundlicher: «Das Altersguthaben kann schnell ausgegeben werden. Ist es einmal aufgebraucht, steht die betroffene Person unter Umständen mittellos da.» Eine Rente hingegen garantiere ein regelmässiges Einkommen während der gesamten Dauer des Rentenalters, auch wenn man sehr alt werde.

Die Beschränkung des Kapitalbezugs wirkt sich zusammen mit dem Ausbau des obligatorischen Sparens in der Rentenreform flächen­deckend aus. Bei allen Arbeit­nehmern – auch bei jenen in gross­zügigen Pensionskassen – entfällt künftig ein grösserer Teil des Alterskapitals auf das ­Obligatorium. Und dieses soll von der Kapitalauszahlung neu ausgeschlossen werden.

Geld für Selbstständige?

Der Bundesrat will den Schutz der obligatorischen Vorsorge mit der EL-Reform noch anderweitig ausbauen. Wer sich selbstständig macht, kann heute als Starthilfe einen Teil ­des Pensionskassen­kapitals beziehen. Auch dies wäre neu nur noch bei dem Teil erlaubt, der über das Obligatorium hinausgeht. Hier ist aber mit Widerstand zu rechnen.

Die Mehrheit der Kommission will den ­Kapitalbezug in diesen Fällen nicht verbieten, sondern nur einschränken.

Quelle: Berner Zeitung
29.03.2017

31.1.2017

Beschönigen die Pensionskassen ihre finanzielle Situation?

Viele Schweizer Pensionskassen reagieren zurzeit auf die ultraniedrigen Zinsen mit Rentenkürzungen. Die Kassen wiesen zu hohe Deckungsgrade aus, kritisieren manche Beobachter. …mehr

Wären die Schweizer Vorsorgeeinrichtungen Flugzeuge, so würden einige von ihnen viel niedriger fliegen, als ihr Höhenmesser anzeigt. Mit dieser Metapher hat Pascal Renaud, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Kammer der Pensionskassen-Experten, an den Informationstagen zur beruflichen Vorsorge auf die bedenkliche Entwicklung in der beruflichen Vorsorge aufmerksam gemacht. Die Kassen wiesen zu hohe Deckungsgrade und damit eine vermeintlich zu gute finanzielle Situation aus und riskierten damit Fehlentscheidungen, sagte Renaud an der jährlichen Veranstaltung der BVG- und Stiftungsaufsicht des Kantons Zürich (BVS). Der Deckungsgrad errechnet sich aus dem Verhältnis zwischen dem verfügbaren Vermögen und den Vorsorgeverpflichtungen einer Pensionskasse. Gemäss der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) betrug der durchschnittliche Deckungsgrad von Schweizer Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie 2015 105,1%, bei Pensionskassen mit Staatsgarantie lag er bei 76,1%.

Lücken bei den Renditen

Laut Renaud ist derzeit eine jährliche Anlagerendite von 5% nötig, um den BVG-Umwandlungssatz von 6,8% für die Altersrentner zu finanzieren. Selbst wenn die Rentenreform verabschiedet würde und der BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8% auf 6% sänke, würden die Vorsorgeeinrichtungen noch eine jährliche Anlagerendite von 4% brauchen, um die Neurenten zu finanzieren. Gegenüber der erwarteten Rendite einer durchschnittlichen Anlagestrategie einer Kasse fehlten derzeit Jahr für Jahr bei der Rendite 2 Prozentpunkte, und die aktiven Versicherten müssten zur Finanzierung dieser Lücken eine tiefere Verzinsung ihrer Altersguthaben in Kauf nehmen.

Der Umwandlungssatz ist der Prozentsatz des in der Pensionskasse angesparten Vermögens, der einem Versicherten nach der Pensionierung jährlich ausbezahlt wird. Die ultraniedrigen bis negativen Zinsen zwingen die Vorsorgeeinrichtungen zu massiven Senkungen der technischen Zinssätze. Die Pensionskassen hätten diese nicht stark und nicht schnell genug gesenkt, sagte Renaud, der auch Partner des Pensionskassenexperten-Büros Toptima ist.

Verpflichtungen unterbewertet?

Bei der Berechnung des Deckungsgrads ist der technische Zinssatz sehr wichtig. Mit diesem Satz diskontiert eine Pensionskasse die zukünftigen reglementarischen Leistungen. Verwendet sie einen zu hohen technischen Zinssatz, weist sie zu tiefe Verpflichtungen und einen zu hohen Deckungsgrad aus. So seien die Rentenverpflichtungen vieler Vorsorgeeinrichtungen unterbewertet, sagte Renaud. Er empfiehlt, den technischen Zinssatz prinzipienbasiert anhand einer Zinsstrukturkurve entsprechend den Verpflichtungen festzulegen, anstatt ihn jedes Jahr durch den Stiftungsrat zu beschliessen. Das Ausweisen eines zu hohen Deckungsgrades sei problematisch, denn dies könne beispielsweise dazu führen, dass die Verantwortlichen von Vorsorgeeinrichtungen die Lage ihrer Kasse zu rosig einschätzten, sagte Renaud. Folgen davon könnten Investitionen in zu riskante Anlagen oder zu grosszügige Leistungen für aktive Versicherte und Rentner sein.

«Eingeschlagener Weg stimmt»

Laut Beobachtern fühlen sich derzeit die Stiftungsräte in einigen Pensionskassen zum Handeln gezwungen und senken die technischen Zinsen deutlich. Für grosses Aufsehen haben in diesem Zusammenhang die BVK und die Pensionskasse der Credit Suisse gesorgt, die die Leistungen ihrer Versicherten deutlich gekürzt haben. Laut Roger Tischhauser, Direktor der BVS, haben viele Vorsorgeeinrichtungen aus dem Kanton Zürich die Umwandlungssätze und technischen Zinsen reduziert, um künftige Pensionierungsverluste und die Verteilung der Lasten auf die aktiven Versicherten zu reduzieren. Er betont, der von den Pensionskassen im Kanton Zürich eingeschlagene Weg stimme, es brauche aber weitere mutige Entscheidungen. Ob die Anpassungen ausreichen, müsse für jede einzelne Kasse beurteilt werden. Falls notwendig, greife die BVS ein, der Risikodialog zwischen Vorsorgeeinrichtung und Aufsicht sei jedoch in den meisten Fällen zielführend. Aus Sicht von Tischhauser haben die Pensionskassen auch ihre Wertschwankungsreserven so weit gestärkt, dass sie auf Verwerfungen am Kapitalmarkt reagieren könnten. Die BVG- und Stiftungsaufsicht Zürich kontrolliert nach eigenen Angaben 820 Vorsorgeeinrichtungen mit verwalteten Vermögen von rund 300 Mrd. Fr.

Sammelstiftungen im Fokus

Eine Herausforderung sieht Tischhauser unterdessen in der Entwicklung zu mehr rentnerlastigen Vorsorgeeinrichtungen oder sogar reinen Rentnerkassen. Der Anteil der Rentner am Gesamtvorsorgevermögen steige stetig, auf weniger Aktive kämen immer mehr Rentner. Dieser Trend werde sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Da die Möglichkeit einer strukturellen Sanierung dieser Vorsorgeeinrichtungen eingeschränkt sei, müsse eine ausreichende Finanzierung sichergestellt sein. Die Arbeitgeber seien in der Pflicht. Die BVS überwache dies und greife bei Fehlentwicklungen ein.

Als weiteren Schwerpunkt der Aufsichtstätigkeit nennt Tischhauser die Überwachung der Sammelstiftungen. Solchen Einrichtungen schliessen sich oft Firmen an, die zu klein sind, um eine eigene Pensionskasse zu betreiben. Im Aufsichtsgebiet der BVS sind über 70% der Versicherten Sammelstiftungen angeschlossen. Im Markt der Sammeleinrichtungen herrsche ein harter Wettbewerb, einige dieser Einrichtungen seien deshalb zurückhaltend mit der Senkung von Umwandlungssätzen und technischen Zinsen, sagt Tischhauser. Es sei wichtig, dass die Sammelstiftungen risikoorientiert geführt und beaufsichtigt würden, sonst könnten sie sich zu einem Systemrisiko entwickeln.

Quelle: NZZ
31.01.2017

20.1.2017

Pensionskassen springen auf den Ökozug auf

Nicht nur Private, auch Unternehmen und Pensionskassen setzen vermehrt auf nachhaltige Finanzanlagen, die ökologische, soziale und ethische Grundregeln befolgen. Sie tun es nicht wegen des Gewissens.

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Nachhaltiges Investieren erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Das hört man zwar schon seit langer Zeit. Doch in den letzten Jahren scheint sich der Trend zu ­beschleunigen. Grüne Fonds, wie sie vor allem von Privatanlegern gekauft werden, verzeichnen zwar nur leichte Zuwächse.

Doch ein markanter Sprung um 166 Prozent ist bei den Mandaten zu beobachten, die von institutionellen Anlegern ihren Vermögensverwaltern vergeben werden.

Das geht so: Eine Pensionskasse erteilt der Bank X zum Beispiel den Auftrag, eine halbe Milliarde Dollar in US-Aktien zu investieren. Wobei die Bank X nur solche US-Aktien auswählen darf, die als nachhaltig gelten. Und nachhaltig ist ein Unternehmen dann, wenn es ökologische, soziale und ethische Prinzipien einhält. In der Fachwelt hat sich für dieses Verhalten das Kürzel ESG durchgesetzt: Environmental, Social, Governance.

Gewissen oder Rendite?

Warum haben Grossinvestoren wie Pensionskassen oder Unternehmen plötzlich nachhaltige Anlagen entdeckt? Tun sie das, um das Gewissen zu beruhigen, oder tun sie es, weil sie sich mit nachhaltigen Anlagen eine höhere Rendite erhoffen? «Privatanleger tun es mehrheitlich wegen des Gewissens.

Institutionelle Anleger vor allem auch wegen der Rendite», sagt Sabine Döbeli, Geschäftsleiterin von Swiss Sustainable Finance. Denn mehr und mehr scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass Unternehmen, welche gegen ökologische, soziale und ethische Regeln verstossen, langfristig Probleme bekommen werden.

Kohle? Nein, danke

Beispiel Publica: Die Pensionskasse des Bundes hat vor zwei Jahren alle Aktien von Kohleproduzenten aus dem Portefeuille genommen. Nicht wegen des ­Gewissens, sondern «aufgrund der potenziellen wirtschaftlichen ­Risiken», erklärt Publica-Direktor Dieter Stohler.

Zu diesem Ausschluss sei man gekommen, nachdem man die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vermögensanlagen vertieft untersucht gehabt habe. «Wir gehen nicht davon aus, dass der Ansatz von Publica automatisch zu einer besseren Performance führt.

Hingegen vermuten wir, dass umsichtig und gut geführte Unternehmen längerfristig weniger ­finanzielle Risiken haben als solche, die immer wieder im Konflikt mit Gesetz und internationalen Normen sind», so Stohler.

Und auf die Frage, weshalb sich die Pensionskasse der Post auf verschiedenen Ebenen für nachhaltige Anlagen starkmacht, erklärt Geschäftsführerin Françoise Bruderer: «Wegen der sozialen Verantwortung und der Überzeugung, dass nachhaltige Anlagen längerfristig mindestens so gut rentieren wie andere.»

Nachhaltige Anlagen in der Schweiz

Was heisst nachhaltig?

Doch was nachhaltig ist und was nicht, ist keine exakte Wissenschaft. So gibt es die unterschiedlichsten Anlagestrategien dazu, der Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Man kann gewisse Branchen ausschliessen, die per Definition mit nachhaltigen Werten im Widerspruch stehen.

Rüstungs- und Tabakindustrie sind solche Industriezweige. Bekannt ist auch der Best-in-Class-Ansatz, wie er häufig bei grünen Fonds für Privatanleger zur Anwendung kommt.

Hier sucht man jene Aktiengesellschaften heraus, die innerhalb ihrer Branche am meisten für den Umweltschutz tun. Das führt dazu, dass auch klassische Umweltverschmutzer in ein Anlageportefeuille geraten. Für Sabine Döbeli ist das insofern gerechtfertigt, als sich umweltschonende Massnahmen in verschmutzenden Branchen besonders stark auswirken.

Lange Jahre galt BP innerhalb der Ölindustrie als Vorzeigeunternehmen, weshalb BP-Aktien in gewissen grünen Fonds zu finden waren. Bis dann im April 2010 die Bohrplattform Deep­water Horizon in Brand geriet und im Golf von Mexiko die grösste Ölpest der Geschichte verursachte.

Anlageberater sind nicht grün

Gemäss einer Umfrage von GFS im Jahr 2014 sprachen sich 72 Prozent der befragten Schweizer dafür aus, dass bei der Verwaltung ihrer Pensionskassengelder nachhaltige Kriterien berücksichtigt werden. Und gemäss einem «World Wealth Report» aus dem Jahr 2015 geht hervor, dass 92 Prozent von vermögenden Privatkunden mit ihrem Vermögen auch positive Wirkungen erzielen möchten.

Interessant ist jedoch der Befund von Schroders. Der international tätige Ver­mögensverwalter mit Hauptsitz London will herausgefunden haben, dass Anlageberater weniger Gewicht auf nachhaltige Aspekte legen als Anleger.

Womöglich zweifeln sie daran, dass nachhaltige Anlagen punkto Rendite mindestens so gut abschneiden wie konventionelle. Denn es gehört zu den unan­genehmeren Pflichten eines Anlageberaters, dem Kunden ge­genüber unterdurchschnittliche Renditen zu rechtfertigen. Womit sich die Frage aufdrängt: ­Rentieren nachhaltige Anlagen schlechter als herkömmliche?

Je nachdem, mit welchem Börsenindex der Vergleich herangezogen wird, rentierten Aktien mit einem ESG-Ansatz besser oder auch schlechter. Doch Sabine Döbeli ist überzeugt: «Mit nachhaltigen Anlagen erzielt man eine marktgerechte Performance.»

Tabak? Nein, danke

Die Deutsche Asset Management und die Universität Hamburg wollen mit einer Studie belegt ­haben, dass sich nachhaltiges ­Investieren finanziell lohnt. Andere Untersuchungen kommen zu einem anderen Schluss. Und dann gibt es das Beispiel von Calpers, der Pensionskasse für die Angestellten des US-Staats Kalifornien. Im Jahr 2000 hat sie sämtliche Tabakfirmen aus dem Portefeuille verbannt.

Gemäss einer Studie sollen dadurch Calpers zwischen 2001 und 2014 gut 3 Milliarden Dollar entgangen sein. Trotzdem hat Calpers gemäss Medienberichten diesen Entscheid sogar noch bestärkt und beschlossen, auch für extern verwaltete Vermögen Tabakfirmen auszuschliessen. Die Begründung: erwartete langfristige finanzielle Risiken wegen drohender Klagen.

Zum Schluss noch dies: Von wem stammt der folgende Satz? «Eine Erwärmung unseres Planeten durch Treibhausemissionen führt zu substanziellen Risiken für die globale Wirtschaft und wird umfangreiche Auswirkungen auf praktisch alle Sektoren haben.» Nun, es war nicht Marco Lambertini, der Generaldirektor vom WWF. Auch nicht Nicholas Stern, Autor des «Stern-Reports».

Es war der Multimilliardär Michael Bloomberg, Gründer der Finanzdatenagentur Bloomberg LG und ehemalige Bürgermeister von New York. Bloomberg war es auch, der Donald Trump wiederholt kritisierte – auch wegen dessen Äusserungen zur Klimaveränderung.

Quelle: Berner Zeitung
20.01.2017

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23.12.2016

Kürzungen bei Rentenleistungen – Immer mehr Kassen greifen zum Rotstift

Den Versicherten drohen schmerzhafte Kürzungen bei den Rentenleistungen in der beruflichen Vorsorge. Ein Experte erwartet «ein dramatisches Jahr 2017».

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Grosse Vorsorgeeinrichtungen wie die BVK oder die Pensionskasse der Credit Suisse haben es vorgemacht, nun dürften einige andere Vorsorgeeinrichtungen folgen: Den Versicherten drohen schmerzhafte Kürzungen bei den Rentenleistungen in der beruflichen Vorsorge. Angesichts der anhaltend schwierigen Lage am Kapitalmarkt und von Negativzinsen realisierten die Stiftungsräte in vielen Pensionskassen, dass sie Entwicklungen zum Teil «verschlafen» hätten, sagt Stefan Thurnherr vom VZ Vermögenszentrum. Er erwartet in dieser Hinsicht «ein dramatisches Jahr 2017». Viele Vorsorgeeinrichtungen rechneten mit einem zu hohen technischen Zins und hätten sich in der Vergangenheit in falscher Sicherheit gewiegt. Nun fühlten sie sich gezwungen zu agieren.

«Entwicklung verschlafen»

Auch Ueli Mettler von der Beratungsgesellschaft «c-alm» geht davon aus, dass viele Vorsorgeeinrichtungen nicht umhinkommen, das Leistungsniveau anzupassen – vor allem im überobligatorischen Teil. Einige Pensionskassen hätten hier Nachholbedarf. Thurnherr erwartet, dass einige Vorsorgeeinrichtungen ihre Änderungen im Frühjahr 2017 kommunizieren, am 1. Januar 2018 dürften diese dann in Kraft treten.

Der technische Zins ist die Kennzahl, mit der eine Pensionskasse die Höhe ihrer künftigen Erträge einschätzt. Wird der Zins zu hoch eingestuft, führt dies nicht nur dazu, dass eine Vorsorgeeinrichtung einen zu hohen Deckungsgrad ausweist. Sie schafft damit auch massive Umverteilungen zwischen Aktiven und Rentnern. Wie ein Warnschuss gegen zu hohe technische Zinsen dürfte derweil für viele Vorsorgeeinrichtungen die jüngst publizierte Empfehlung der Schweizerischen Kammer der Pensionskassenexperten (SKPE) gewirkt haben. Per Ende September dieses Jahres hat sie unter Berufung auf die Fachrichtlinie FRP 4 den Pensionskassen empfohlen, für die kommenden Jahresabschlüsse einen technischen Zins von 2,25% anzuwenden – eine Senkung um 0,5 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Eigentlich steht es im Ermessen des Stiftungsrats einer Pensionskasse, den technischen Zins nach Massgabe ihrer Zielrenditen, ihrer Einschätzung der Marktentwicklung sowie dem Zustand der Vorsorgeeinrichtung festzulegen. In der Praxis aber kämen die Stiftungsräte aus dem Korsett der SKPE-Empfehlung kaum heraus, sagt Thurnherr. Derzeit sei zu beobachten, dass die Vorsorgeeinrichtungen in der Deutschschweiz ihre technischen Zinsen grossflächig auf 2% senkten, sagt Mettler. Sie «übererfüllen» die Empfehlung also sogar.

entwicklung-technischer-zins-bei-schweizer-pensionskassen

Weiterer Druck für die Vorsorgeeinrichtungen entsteht derweil dadurch, dass ihnen mit jeder neu entstehenden Rente sogenannte Pensionierungsverluste drohen, wenn sie zu hohe Umwandlungssätze anwenden (vgl. Zusatz). Der Umwandlungssatz ist der Prozentsatz des gesparten Vermögens in der Pensionskasse, der einem Rentner jährlich ausbezahlt wird. Ist er zu hoch angesetzt, führt dies dazu, dass Rentenverpflichtungen nicht ausfinanziert sind. Zudem stehen in den kommenden Jahren viele Pensionierungen von «Babyboomern», also Personen aus den starken Nachkriegsjahrgängen, an. Reagieren die Vorsorgeeinrichtungen nicht auf die Situation, könnten dadurch hohe Pensionierungsverluste entstehen.

Folglich senkten viele Pensionskassen derzeit ihre Umwandlungssätze geradezu abrupt, sagt Thurnherr. Als Beispiele für solche Senkungen führt er neben der BVK und der Pensionskasse der Credit Suisse die Vorsorgeeinrichtung des Bundes Publica an. Diese senkt ihren technischen Zins Mitte 2018 auf 2% und ihren Umwandlungssatz auf 5,09% nach zuvor 5,65%. Andere, kleinere und mittelgrosse Pensionskassen dürften nun folgen, erwartet Thurnherr. Da grosse Vorsorgeeinrichtungen bereits solch unpopuläre Massnahmen ergriffen hätten, fühlten sie sich nun «in guter Gesellschaft».

Zudem ist ein Trend zu beobachten, dass Pensionskassen versuchen, Versicherte in oberen Gehaltsetagen dazu zu bringen, sich ihr angesammeltes Kapital auszahlen zu lassen, anstatt es als Rente zu beziehen. So hätten bereits Vorsorgeeinrichtungen mit der Einführung eines Kapitalzwangs für Besserverdienende beim Bezug von Pensionskassengeldern reagiert, sagt der VZ-Vorsorgespezialist. Wenn Versicherte statt einer Rente eine Kapitalauszahlung erhalten, übernehmen sie anstatt der Vorsorgeeinrichtung das Risiko der Verwaltung der Gelder. Das Thema ist in diesem Jahr mit den Ankündigungen der Pensionskasse der Credit Suisse, einen solchen Kapitalzwang einzuführen, auf den Tisch gekommen. Auch die Pensionskasse IBM hat laut Thurnherr einen solchen Zwang eingeführt, und zwar im Überobligatorium. Bei der Pensionskasse 2 von Novartis ist die Entwicklung ebenfalls zu beobachten, sie zahlt nur noch Renten für Gehälter bis 150 000 Fr. Angestellte des Basler Pharmakonzerns, die mehr verdienen, müssen sich die entsprechenden Teile des Vorsorgekapitals ebenfalls als Kapital auszahlen lassen.

Neue Rechnungslegung

Einer der Gründe für solche Massnahmen dürfte auch der in den internationalen Rechnungslegungsvorschriften (IFRS) enthaltene, jüngst überarbeitete Standard IAS 19 sein. Weil Unternehmen wegen IAS 19 die Vorsorgeverpflichtungen und den Vorsorgeaufwand in den Jahresrechnungen erhöhen müssen, droht die Gefahr, dass sie Vorsorgepläne zum Nachteil von Versicherten anpassen.

Ein weiterer Trend sind die sogenannten 1e-Pläne, bei denen Versicherte ab einem Jahresgehalt von 126 900 Fr. selbst ihre Anlagestrategie bestimmen können – für die Teile des Lohns, die über dieser Grenze liegen. Dies gibt Mitarbeitern mit höheren Löhnen Freiheitsgrade bei der Anlage, sie tragen aber dann in diesem Bereich auch die Risiken der Anlagestrategie – anstelle der Pensionskasse.

Laut Mettler hat die zu beobachtende Entwicklung ihre Grenzen. Schliesslich lebe die zweite Säule auch von Solidaritäten. Solidarität brauche es, damit sich gute und schlechte Anlagezyklen über Generationen hinweg ausgleichen. Wenn man die zweite Säule zunehmend entsolidarisiere und individualisiere, werde die Idee des generationenübergreifenden Versichertenkollektivs und damit der Risikokapazität, solche Zyklen auszuhalten, ausgehöhlt. Die in der zweiten Säule geltenden Rahmenbedingungen – namentlich das Obligatorium und die Arbeitgeberbindung der beruflichen Vorsorge – sorgten zumindest bei konstanten Arbeitgeberverhältnissen für einen langen Anlagehorizont und dadurch für eine hohe Risikofähigkeit, sagt er. Mit der Ausstattung der zweiten Säule mit diesen Rahmenbedingungen gehe aber auch ein Leistungsauftrag einher, diese Risikofähigkeit zu nutzen und ein entsprechendes Rendite- bzw. Leistungsziel anzustreben. Ein immer stärkerer Transfer von Risiken von Arbeitgebern zu den Arbeitnehmern könne auch als Verweigerung dieses Leistungsauftrags aufgefasst werden. Dies spiele der politischen Linken in die Hände, die die Existenzberechtigung der zweiten Säule infrage stelle und die Sozialversicherung in die erste Säule verlagern möchte.


Pensionierungsverlust

Wie entsteht ein Pensionierungsverlust bei einer Vorsorgeeinrichtung? Als Beispiel kann folgende Rechnung des Finanzdienstleisters VZ Vermögenszentrum dienen. So wird derzeit die Altersrente eines 65-jährigen in Pension gehenden Arbeitnehmers mit einem obligatorischen Altersguthaben von 100 000 Fr. mit dem BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8% berechnet. Er erhält also eine jährliche Rente von 6800 Fr. je 100 000 Fr.

Der rechnerisch korrekte Umwandlungssatz läge aber nur bei 5,3%, eigentlich dürfte die Rente nur 5300 Fr. betragen. Folglich bezahlt die Pensionskasse jährlich auf 100 000 Fr. Vorsorgevermögen 1500 Fr. zu viel Rente aus und muss diese als Kapital zurückstellen. Wie Vertreter des Finanzdienstleisters ausführen, wird wiederum mit den korrekten 5,3% kapitalisiert – die Rechnung lautet also 1500 Fr. dividiert durch 5,3% – was einen Zusatzbedarf von 28 302 Fr. zu den 100 000 Fr. Altersguthaben ergebe.

Damit die versicherte Person bei der Pensionierung die garantierte Altersrente von 6800 Fr. erhält, werde ein Altersguthaben von 128 302 Fr. benötigt. Die Vorsorgeeinrichtung finanziere das fehlende Altersguthaben von 28 303 Fr. je 100 000 Fr. Jedem Neu-Rentner würden also fast 30% Zusatzkapital geschenkt.


Quelle: NZZ
23.12.2016

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23.12.2016

«Dreckwolke» über Luzern

Die Klima-Allianz will die Pensionskassen dazu bringen, ihre Investitionen in fossile Geldanlagen zu beenden. Dafür zogen sie am Freitag mit einer grossen Wolke durch Luzern.

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«Die Anlagen der Pensionskasse des Kantons Luzern in fossile Energie sind klimaschädlich und unsicher», schreibt die Klima Allianz in einer Mitteillung. «Es gibt in der Schweiz Pensionskassen, die seit Jahren ohne fossile Energie investieren und damit eine überdurchschnittliche Rendite erzielen», erläutert Christian Lüthi, Geschäftsleiter der Klima-Allianz Schweiz.

Die Klima-Allianz führe seit Anfang November eine Kampagne zu den «klimaschädlichen und risikoreichen Investitionen von Schweizer Pensionskassen in fossile Energie».

In der Klima-Allianz organisieren sich schweizweit rund 70 Organisationen und Parteien. Zum Beispiel die SP, die Grünen, Greenpeace, WWF, Pro Natura und kirchliche Stiftungen wie «Brot für alle» und Fastenopfer.

Quelle: Luzerner Zeitung
23.12.2016

4.12.2016

Auch Rentner müssen teilen

Ab Januar gelten neue Regeln für den Vorsorgeausgleich bei einer Scheidung. Halbe-halbe gilt künftig auch in Fällen, in denen das bisher ausgeschlossen war.

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Ist die Ehe am Ende, kommt es zum Ausgleich. Frau und Mann müssen bei einer Scheidung teilen, was sie während der Ehe in der Pensionskasse angespart haben. Wer mehr auf seinem Konto hat, muss dem anderen die Hälfte der Differenz überweisen. Dieser Grundsatz gilt auch für eingetragene Partnerinnen und Partner, wenn sie sich trennen. Der Vorsorgeausgleich trägt zusammen mit dem Splitting in der AHV dazu bei, die Folgen einer Scheidung im Alter zu mildern.

Schon kurz nach Einführung im Jahr 2000 stiessen aber die Regeln zum Vorsorgeausgleich auf Kritik. Die einen sagten, es komme in vielen Fällen nicht zu einer gerechten Teilung. Andere bemängelten, die rechtlichen Vorgaben seien zu starr und liessen kaum Spielraum für einvernehmliche Lösungen übrig.

Beides soll mit den neuen Regeln korrigiert werden. Sie treten am 1. Januar in Kraft und bringen teils gewichtige Änderungen. «Künftig wird häufiger geteilt», sagt Ueli Kieser, Professor für Sozialversicherungsrecht an der Uni St. Gallen. Gleichzeitig gebe es mehr Flexibilität für alternative Lösungen, sagt Urs Gloor, Richter am Bezirksgericht Zürich.

Welches die wichtigsten Neuerungen sind, zeigt der nachfolgende Überblick.

Halbe-halbe für Rentner: Neu werden die Pensionskassenguthaben auch geteilt, wenn ein Ehegatte bei der Scheidung bereits in Rente oder invalid ist. Nach dem geltenden Recht war dies ausgeschlossen. Da durften die Pensionskassengelder nicht mehr angetastet werden, wenn der Ehemann oder die Ehefrau schon eine Rente bezog. Stattdessen gab es für die ausgleichsberechtigte Person eine Abfindung. «Oft hatte der Zahlungspflichtige aber nicht genug Geld, um dem anderen eine angemessene Abfindung zu bezahlen, weshalb diese Regelung in der Praxis zu teils stossenden Resultaten geführt hat», sagt Richter Urs Gloor.

Künftig gilt halbe-halbe für IV- und für Altersrentner. Bei den Bezügern einer IV-Rente wird das Altersguthaben geteilt. Bei den Pensionierten kommt es zur Teilung der Rente. Dabei hätten die Gerichte einen Ermessensspielraum, wie sie die Teilung vornehmen, sagt Ueli Kieser. Es gilt jedenfalls auch da der Grundsatz: Wer die höhere Rente hat, muss dem anderen die Differenz ausgleichen. Dieser erhält dann eine lebenslange Rente aus der Vorsorge seines geschiedenen Partners.

Vorteil für Nichterwerbstätige: Eine Verbesserung bringt das neue Recht für Geschiedene, die selber keine berufliche Vorsorge haben. Sei es, weil sie während der Partnerschaft nicht berufstätig waren oder zu wenig verdienten, um einer Pensionskasse beitreten zu können. Sie mussten bisher das Vorsorgeguthaben, das sie bei der Scheidung vom Ex-Partner bekamen, in eine Freizügigkeitsstiftung einbringen und konnten es im Alter nur als Kapital beziehen. Neu haben sie die Möglichkeit, das Geld in die Pensionskasse der nationalen Auffangeinrichtung BVG einzubringen und es nach der Pensionierung in eine Rente umwandeln zu lassen.

Meldepflicht für Kassen: Vorsorgeeinrichtungen müssen ab 2017 jährlich ihren Versichertenbestand der Zentralstelle 2. Säule melden. Damit soll es nicht mehr möglich sein, dass Ehegatten einen Teil ihrer Vermögenswerte vor dem anderen verstecken, um es der Teilung zu entziehen.

Herkunft der Mittel angeben: In der Regel wird beim Ausgleich das Geld aus der Kasse der zahlungspflichtigen Person auf die Kasse der berechtigten Person übertragen. Dabei ist künftig immer auszuweisen, welcher Teil des Guthabens zur obligatorischen Versicherung gehört. So sei sichergestellt, dass auch nach der Übertragung der Mindestzinssatz und der gesetzlich vorgeschriebene Umwandlungssatz angewandt würden, sagt Rechtsexperte Ueli Kieser.

Neuer Stichtag für die Teilung: Bislang wurden die Guthaben aufgeteilt, die am Ende eines Scheidungsverfahrens vorhanden waren. Manch einer habe dies ausgenutzt und das Scheidungsverfahren verzögert, um davon zu profitieren, dass in dieser Zeit das Pensionskassenvermögen weiter anwuchs, sagt Roland Fankhauser, Professor für Zivilrecht an der Uni Basel. Dem setzt das neue Gesetz nun ein Ende: Der Stichtag für die Teilung wird vorverschoben. Massgebend ist jetzt das Pensionskassenguthaben, das zu Beginn des Scheidungsverfahrens vorhanden ist.

Komplizierter, aufwendiger

Vergleicht man die Neuerungen mit dem bisherigen Recht, so zeigt sich, dass die einen künftig beim Vorsorgeausgleich besser wegkommen, den anderen bringen die Änderungen eher Nachteile. Weil das neue Recht aber mehr Flexibilität zulasse, sei es künftig eher möglich, von einer strikten Teilung abzuweichen, sagt Richter Urs Gloor. So könnten auch andere Vermögenswerte für den Ausgleich miteinbezogen und mit der Vorsorge verrechnet werden. Gloor geht davon aus, dass es insgesamt zu gerechteren Lösungen komme als bisher.

Für die Gerichte werde der Vorsorgeausgleich aber komplizierter, so Gloor. «Wir müssen viel mehr Faktoren berücksichtigen und beim Ausarbeiten einer Lösung jeweils die Vorsorgesituation beider Ehegatten im Auge behalten.» Auch die Pensionskassen rechnen mit einem höheren Aufwand für die Abwicklung des Vorsorgeausgleichs, wie Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassenverbands Asip, sagt. Zudem führe die Umstellung zu einmaligen Mehrkosten, weil Software, Reglemente und Formulare angepasst und die Mitarbeiter geschult werden müssten.

Die gesetzlichen Neuerungen werden ab dem 1. Januar auch angewendet auf Scheidungsverfahren, die vor den kantonalen Gerichtsinstanzen hängig sind. Umstritten sei jedoch, ob das auch für den Stichtag der Teilung gelte, sagt Rechtsprofessor Roland Fankhauser. Wenn ja, würde der Stichtag quasi rückwirkend auf den Beginn eines laufenden Scheidungsverfahrens vorverschoben.

Tabelle

Quelle: Tages-Anzeiger
04.12.2016

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21.11.2016

Schweizer Vorsorgesystem – Immerhin Renten

Die Lage von privaten und institutionellen Sparern ist unerfreulich. Trotzdem ist das Schweizer Vorsorgesystem stabiler als viele andere in der Welt. …mehr

Der durchschnittliche amerikanische Haushalt von Erwerbstätigen hat praktisch keine Ersparnisse fürs Alter. 2500 $ sind es im Schnitt. Das ist der Median. Das heisst: 50% der Haushalte haben mehr, 50% haben weniger. Bei Haushalten von Erwerbstätigen kurz vor dem Rückzug aus dem Erwerbsleben, sind es 14 500 $. Rund zwei Drittel aller Haushalte mit Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 haben weniger als ein Jahreseinkommen auf der hohen Kante. Das wird nicht reichen, um den Lebensstandard nach der Pensionierung zu halten.

Kein Wunder, schaffen es die USA im soeben erschienenen Ranking der Beratungsfirma Mercer nicht über einen mittleren Rang hinaus (siehe Tabelle oben). Seit 2009 rangiert Mercer zusammen mit dem Australian Centre for Financial Studies in der Studie «Melbourne Global Pension Index» die Vorsorgesysteme von 27 Ländern. Bewertet werden Angemessenheit, Nachhaltigkeit, Integrität der Systeme entlang Dutzender Kriterien. Zu verdienen sind 100 Punkte. Die Schweiz hat im Vergleich mit dem vergangenen Jahr zwar 2 Ränge eingebüsst. Aber mit Rang 6 und 68,6 Punkten befindet sich unser Vorsorgesystem immer noch deutlich über dem Mittelfeld und auch über dem Durchschnitt.

Wieso fällt unser Land zurück? In Umlageverfahren wie bei der AHV – die Arbeitnehmer zahlen die Renten der Pensionäre direkt mit ihren Beiträgen – schlägt die steigende Lebenserwartung zu Buche; in Kapitaldeckungsverfahren wie bei der zweiten Säule (BVG) fordert zusätzlich dazu die Tiefzinslage ihren Tribut. Ein Blick zurück zeigt auf, wie dramatisch das ist: Zwischen 1985, als das BVG-Obligatorium eingeführt wurde, und dem Start der Finanzkrise 2008 pendelte das allgemeine Zinsniveau im Schnitt um rund 4%. Seit der Finanzkrise jedoch sind die Zinsen in vielen wichtigen Anlagewährungen gegen null gesunken. Im Schweizer Franken sind sie gar negativ, was besonders schlimm ist für unsere Pensionskassen, müssen sie Renten doch in Franken zahlen. Die steigende Lebenserwartung und die Null-Zins-Welt setzt der zweiten Säule derart zu, dass die Pensionskassen seit längerem daran sind, Renten zu senken.

Prominente Beispiele wie die Zürcher Pensionskasse BVK und die Bundespensionskasse Publica machen es vor. Bei der BVK sinken die Umwandlungssätze ab 2017 um 21%. Der sogenannte Umwandlungssatz bestimmt die Rentenhöhe im Alter.
Die Publica wiederum hat just diese Woche angekündigt, dass sie auf Mitte 2018 den Umwandlungssatz von 5,65% auf 5,09% reduziere. Das entspricht einer Rentensenkung von 10%. Um ein Beispiel zu machen, wie der Umwandlungssatz funktioniert: Für 100 000 Fr. Sparkapital kriegen Publica-Rentner inskünftig noch eine Jahresrente von 5009 Fr. statt 5065 Fr. Im Interview mit der «NZZ am Sonntag» (siehe Seite 102) verteidigt der BVK-Chef, Thomas Schönbächler, Rentensenkungen. Er sagt: «Die Lebenserwartung nimmt alle zehn Jahre um über ein Jahr zu. Wir haben rekordtiefe Zinsen.» Dadurch, dass man den Umwandlungssatz reduziere, sichere man das finanzielle Gleichgewicht der Kasse und schütze die junge Generation. «Die Jungen werden nicht unbedingt tiefere Renten haben, da sie noch viel Zeit haben, um Geld anzusparen.»

Wieso aber dürfen Umwandlungssätze überhaupt unter 6,8% gesenkt werden? Das ist die Grösse, welche das Gesetz vorschreibt. 6,8% gelten aber eben nur für das «obligatorische» Geld, das heisst jene Sparbatzen, die auf dem Lohn bis 84 600 Fr. generiert wurden. Für Sparfranken, die auf darüberliegenden Lohnteilen erwirtschaftet werden, sind Pensionskassen frei, jenen Umwandlungssatz zu wählen, den sie für richtig halten. Im Schnitt kann deshalb der Umwandlungssatz viel tiefer liegen als 6,8%.

Quelle: NZZ
21.11.2016

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8.11.2016

Ständeratskommission hält an AHV-Zuschlag fest

Bei der Reform der Altersvorsorge zeichnet sich keine rasche Einigung ab. Die Sozialkommission des Ständerats hält am AHV-Zuschlag von 70 Franken fest. Ein Rentenalter 67 lehnt sie einstimmig ab.

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Ziel der Rentenreform ist es, AHV und berufliche Vorsorge auf eine gesunde finanzielle Basis zu stellen. National- und Ständerat sind sich einig, dass dazu unter anderem der Umwandlungssatz in der obligatorischen beruflichen Vorsorge von 6,8 auf 6 Prozent gesenkt werden muss. Die Renten sinken dadurch auf einen Schlag um 12 Prozent.

Der Nationalrat will diese Einbussen im Wesentlichen durch höhere Pensionskassenbeiträge ausgleichen. Einbussen in der zweiten Säule müssten in der zweiten Säule ausgeglichen werden, sagte die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter, die dieses Konzept in der Kommission vertrat.

Mit 8 zu 5 Stimmen beschloss die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) jedoch, an den Beschlüssen des Ständerats vom Herbst 2015 festhalten: Auf neuen AHV-Renten soll ein Zuschlag von 70 Franken gezahlt werden. Auch die Ehepaarrenten würden steigen.

Deutlich höhere Kosten

Kommissionspräsident Konrad Graber (cvp., Luzern) argumentierte mit den Kosten: Bis 2030 sei die Lösung des Nationalrats 24 Milliarden Franken teurer als jene des Ständerats, sagte er nach der Sitzung am Dienstag. Graber stützte sich dabei auf neue Berechnungen der Verwaltung.

Der von SVP und FDP dominierte Nationalrat hält die höheren Kosten für gerechtfertigt, weil das Geld in der zweiten Säule direkt dem Alterskonto der Versicherten gutgeschrieben wird. Die kleine Kammer, in der SP und CVP die Mehrheit stellen, setzt hingegen auf die AHV.

Diese habe bei der heutigen Zinssituation ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis, sagte SGK-Mitglied Paul Rechsteiner (sp., St. Gallen). «Wer rechnet, stellt fest, dass man in der AHV für die gleiche Rente viel weniger zahlt.»

Politisches Kalkül

Einstimmig lehnte die Kommission die sogenannte Stabilisierungsregel für die AHV ab. Nach dem Willen des Nationalrats soll das Rentenalter automatisch auf 67 Jahre ansteigen, falls der AHV-Fonds unter 80 Prozent einer Jahresausgabe fällt. Parallel dazu würde die Mehrwertsteuer um 0,4 Prozent angehoben.

Im Hinblick auf eine Volksabstimmung will die SGK auf diesen Automatismus verzichten. Über ein höheres Rentenalter müsse im Rahmen einer späteren AHV-Reform diskutiert werden, erklärte Graber.

Neben der Kompensation und der Stabilisierungsregel gibt es weitere umstrittene Punkte. Diese betreffen den Koordinationsabzug, die für die AHV nötigen Mehrwertsteuer-Erhöhungen, den Bundesbeitrag, die Kinder- sowie die Waisen- und Witwenrenten. Unter dem Strich kostet das Paket der Ständeratskommission 3,3 Milliarden Franken im Jahr 2030, gegenüber 4,5 Milliarden Franken in der Version des Nationalrats.

Enger Zeitplan

Die Reform der Altersvorsorge kommt in der Wintersession zum zweiten Mal in den Ständerat. In der Frühjahrssession soll die Vorlage bereinigt werden. Die Eile ist geboten, denn Ende 2017 läuft die Zusatzfinanzierung der IV von 0,4 Prozent aus. Ab 2018 sollen 0,3 Prozent davon nahtlos für die AHV verwendet werden. Der letztmögliche Abstimmungstermin für die nötige Verfassungsänderung ist der 24. September 2017.

Quelle: NZZ
08.11.2016

23.9.2016

«Schönreden ist unehrlich» – Strukturelle Probleme des Vorsorgesystems müssen angegangen werden

In einem Interview in der «Finanz und Wirtschaft» spricht unser Forschungsleiter Sozialpolitik über den Druck, unter dem die Vorsorge heute an allen Fronten steht. Jérôme Cosandey konstatiert, dass es eine Rentenreform brauche, die Opfer von Jung und Alt verlangt. Das ist politisch zwar nicht attraktiv, aber die Realität.

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«Finanz und Wirtschaft»: Herr Cosandey, wie beurteilt die Denkfabrik Avenir Suisse die Belastung durch Demografie und Niedrigzinsen für unser Vorsorgesystem?

Jérôme Cosandey: Diversifikation ist ein wichtiges, stabilisierendes Element unserer Altersvorsorge: Während die AHV vor allem Risiken der Demografie und der inländischen Konjunktur ausgesetzt ist, sind zweite und dritte Säule primär den internationalen Kapitalmärkten ausgeliefert. Trotz Diversifikation steht die Vorsorge heute an allen Fronten unter Druck. Anpassungen sind in jeder Säule nötig, ohne aber das Gesamtsystem infrage stellen zu müssen.

Wann ist die Belastungsgrenze für die jüngeren Generationen, die einer wachsenden Zahl älterer Leute gegenüberstehen, überschritten?

Die AHV schrieb 2014 rote Zahlen von 0,5 Mrd. Fr., und in der beruflichen Vorsorge finden systemwidrige Umverteilungen von bis 50 000 fr. pro Neurentner statt – auf Kosten der aktiven Bevölkerung. Die Frage lautet nicht, wann die Belastungsgrenze überschritten ist, sondern, wie lange man solche Zustände dulden will. Es braucht eine Lösung, die Opfer von Jung und Alt verlangt. Das ist politisch zwar nicht attraktiv, aber die Realität. Schönreden ist unehrlich.

Alterspyramide

Mit der «Altersvorsorge 2020» will der Bundesrat AHV und berufliche Vorsorge revidieren. Wie sind die Erfolgsaussichten?

Der Ständerat hat die Vorlage mit einem Ausbau der AHV angereichert. Das hat in einer Reform, die vor allem die finanzielle Sicherheit gewährleisten muss, keinen Platz. Die Kommission des Nationalrats hat dies korrigiert, dafür die Reform mit politisch heiklen Vorschlägen beladen: Kürzung der Witwenrente, unvollständige Kompensation der Senkung des Umwandlungssatzes. Die Bereinigung zwischen beiden Kammern wird dadurch komplex. Es braucht einen Kraftakt, um rechtzeitig ein mehrheitsfähiges Paket zu schnüren.

Warum tut sich die Schweiz so schwer mit der Reform der Vorsorge?

Vorsorgereformen sind überall schwierig. Anders als bei einer Revision der Invaliden- oder der Arbeitslosenversicherung hoffen bei der Altersvorsorge alle, einmal eine Rente zu erhalten. Leistungsanpassungen sind deshalb unpopulär. Zudem geht es uns in der Schweiz immer noch gut, die Renten werden bezahlt, die Staatsverschuldung ist niedrig. In anderen Ländern, die vor allem staatlich finanzierte Vorsorgesysteme kennen, hat die prekäre Haushaltsituation geholfen, die Reformdiskussionen zu fokussieren. So wurde in achtzehn OECD-Ländern ein gesetzliches Rentenalter von 67 bzw. 68 Jahren bereits beschlossen. Die Schweiz hinkt trotz einer der höchsten Lebenserwartungen der Welt hinterher.

Würde man das Vorsorgesystem heute neu bauen, wie sähe es aus?

Grundsätzlich würde ich weiterhin auf dem bewährten Dreisäulenkonzept aufbauen. In der ersten Säule wäre jedoch auf die Rentenanpassung mit dem Mischindex zu verzichten. Dafür würde ich für die Bestimmung der Pension von Neurentnern zwar die Lohnentwicklung berücksichtigen, die so ermittelte Rente nachher jedoch nur noch an die Teuerung anpassen.

Und in der zweiten Säule?

Ich würde, wie in Liechtenstein, Mindestzins und Umwandlungssatz nicht im Gesetz verankern, sondern den paritätisch besetzen Stiftungsräten übertragen. Auf den Koordinationsabzug, der Teilzeitangestellte benachteiligt, wäre zu verzichten. Die Arbeitnehmer sollten für die Verwaltung ihrer BVG-Ersparnisse die Pensionskasse wählen können, und in beiden Säulen sollte das Pensionsalter voll flexibilisiert werden.

Wie sieht das Schweizer Vorsorgewesen in zehn Jahren aus?

Ich gehe davon aus, dass das Parlament eine Reform des kleinsten gemeinsamen Nenners verabschieden wird. Das gibt Luft für höchstens zehn Jahre, ohne dass strukturelle Probleme wie dasjenige des Rentenalters angegangen werden. Bedenkt man, dass die AHV letztmals 1994 und die berufliche Vorsorge 2003 revidiert wurde, ist für die nächsten Anpassungen keine Zeit zu verlieren. Es wird also gleich die nächste Reform anstehen.


Dr. Cosandey setzt sich seit 2011 als Senior Fellow und Forschungsleiter Sozialpolitik von Avenir Suisse mit dem Reformbedarf in der Altersvorsorge, der Organisation und Finanzierung der Alterspflege und Fragen der Altersarbeit auseinander. Nach seiner Promotion an der ETH war er mehrere Jahre als Strategieberater bei The Boston Consulting Group, danach bei der UBS tätig. Jérôme Cosandey hält zudem einen Master der Universität Genf in internationaler Wirtschaftsgeschichte.

Quelle: Avenir Suisse
23.09.2016