«Für alle anderen heisst es, die Rente sinkt»

Herr Bühler, der Umwandlungssatz für die Altersrenten ist laut einer heute veröffentlichten Studie von Swisscanto unter Druck. Er bestimmt die Höhe der Renten und sinkt bei vielen Pensionskassen bald unter 6 Prozent. Was heisst das für heutige und künftige Rentner?

Wer bereits eine Rente bezieht, ist davon nicht betroffen. Für alle anderen bedeutet das, dass ihre künftige Rente sinkt, sofern die Pensionskasse keine Ausgleichsmassnahmen ergreift.

Wie sehen solche Massnahmen aus?

Eine Pensionskasse kann Rückstellungen bilden, um die tieferen Renten für die Betroffenen mit Altersgutschriften zu kompensieren. Oder sie kann die Sparbeiträge erhöhen. Höhere Sparbeiträge bedeuten für die Betroffenen jedoch höhere Abzüge vom Lohn. Und wer kurz vor der Pensionierung steht, hat von höheren Sparbeiträgen nicht viel.

Etwa 40 Prozent der von Swisscanto befragten Kassen gleichen die Verluste für die kommenden Rentnergenerationen nicht aus. Ist das nicht ein relativ hoher Anteil?

Ich gehe davon aus, dass der Anteil an Kassen, die nichts ausgleichen, sogar noch eher höher ist. Denn die Studie erfasst nur etwa ein Viertel aller Pensionskassen, darunter vor allem auch grosse Einrichtungen und öffentlich-rechtliche. Die öffentlich-rechtlichen Kassen richten Kompensationen aus, wenn der Umwandlungssatz sinkt.

Sind in kleineren Pensionskassen die Versicherten also schlechter dran?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Gerade bei kleinen bis mittelgrossen Betrieben gibt es oft einen Patron, der sich für seine Mitarbeitenden einsetzt und die Last mitträgt.

Die Pensionskassen weisen einen Deckungsgrad von deutlich über 100 Prozent aus. Das bedeutet, sie könnten alle Ansprüche mehr als nur decken. Heisst das nun, dass alles im grünen Bereich ist bei der zweiten Säule?

Sicher nicht überall. Einzelne Kassen werden weiterhin zu kämpfen haben. Von der guten Entwicklung an den Finanzmärkten haben aber alle profitiert. Zum einen legten die Aktienmärkte letztes Jahr deutlich zu. Und die Zinsen stiegen bis Ende letztes Jahr ebenfalls leicht. Perfekte Voraussetzungen für eine verbesserte finanzielle Situation.

Die Pensionskassen haben laut der Swisscanto-Studie so hohe Aktienanteile wie seit 2007 nicht mehr. Das erhöht doch das Risiko für Schwankungen, und man stellt sich unweigerlich die Frage, wie es weitergeht. Wie sehen Sie die Zukunft?

Die Zinsen sind seit Ende des letzten Jahres wieder leicht gesunken, und jetzt haben die Aktienmärkte neue Höchststände erzielt. Entsprechend ist es möglich, dass es kurzfristig eher seitwärts bis sinkend weitergeht. Wenn die Zinsen tief bleiben und die Aktienkurse sinken, wird es für die Pensionskassen tatsächlich schwierig.

Sind die Vorsorgeeinrichtungen für eine Zinswende gerüstet?

Wenn die Zinsen steigen, stellt sich die Frage, wie die Aktienmärkte reagieren. Unter den heutigen Voraussetzungen sollten die Pensionskassen meiner Meinung nach keine Massnahmen ergreifen und ihre Anlagen umschichten. Wenn die Zinsen steigen, ist das für die Kassen positiv, auch wenn die Obligationen in der Folge zuerst an Wert verlieren werden.

Die Reform 2020 der Altersvorsorge sieht einen Umwandlungssatz von 6 Prozent vor. Braucht es diese Massnahme überhaupt noch, wenn nun Kassen dieses Niveau bereits in Eigenregie unterschreiten?

Es gibt Pensionskassen, die nur das gesetzliche Minimum anbieten. Für solche Vorsorgewerke ist dieser Schritt entscheidend, damit sie finanziell stabil bleiben.

Wie viele Arbeitnehmer sind solchen Minimumkassen angeschlossen?

Etwa ein Siebtel aller Aktiven. Es handelt sich um Mitarbeitende von Unternehmen aus Tieflohnbranchen wie Gastgewerbe, Tourismus oder Bau.

Die von Swisscanto befragten Pensionskassenvertreter kritisieren, dass die für 2020 angestrebte Reform der Altersvorsorge zu spät komme. Eine berechtigte Kritik?

Tatsächlich kommt die Reform spät. Doch selbst eine Absenkung des Umwandlungssatzes auf morgen würde die Kernprobleme nicht lösen.

Weshalb?

Bis eine Absenkung ihre Wirkung entfaltet, dauert es viele Jahre. Letztlich ist aber auch die per 2020 angestrebte Reform eine Verlagerung der Probleme in die Zukunft und eine Überwälzung der Kosten auf die folgenden Generationen.

Haben Sie eine andere Lösung?

Nein, solange die einmal gesprochenen Renten unangetastet bleiben.

 

Quelle: Tages-Anzeiger

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